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Aus dem Nichts rollt sie heran, eine Welle der Angst. Sie durchflutet meinen Körper. Ich bin reglos, vollkommen unvorbereitet. Erschrocken, fast schon fassungslos, und in dem Moment unfähig, meiner Tätigkeit weiter nachzugehen. Zum Glück stehe ich nur im Garten und schaufele Erde von einem Haufen auf den anderen. Die Welle ebbt ab, die Angst verschwindet, so überraschend, wie sie gekommen ist. Ich frage mich: was war das gerade? Fühle mich irgendwie erschöpft. Ich laufe durch den Garten zur Garage, hole meine Wasserflasche, trinke etwas, und setze dann meine Arbeit fort. Bin irritiert und nachdenklich.

Die Angst rauscht heran wie eine Welle

Im Laufe des Tages ereilen mich noch einige dieser Angstwellen. Allmählich bekomme ich ein Gespür dafür, wann und wie sie kommen, und kann anfangen, genauer hinzuschauen. Es sind keine Panikattacken, wie ich sie mir vorstelle, wenn andere Menschen mir davon berichten. Nein, es fühlt sich wirklich an, als rausche ein heftiges Gefühl (hier eben die Angst) wie eine Welle heran; sie nimmt mich mit und setzt mich behutsam wieder ab, wenn sie allmählich schwächer wird und verschwindet. Wirklich übermannt und handlungsunfähig gemacht hat sie mich nur beim allerersten Mal.

Meine Gedanken haben das Gefühl (mit) ausgelöst

Ich erinnere mein Wissen über Gefühle, das ich mir im Laufe meiner GFK-Ausbildung angeeignet habe und nutze die Klärungsmethoden, die mir die Gewaltfreie Kommunikation zur Verfügung stellt. Am Ende des Tages weiß ich: Es handelt sich hier um ein sogenanntes „Sekundär“-Gefühl. Es entsteht nicht nur aufgrund eines akut in Mangel geratenen Bedürfnisses, sondern meine Gedanken nehmen ebenfalls Einfluss. Mit diesem Wissen kann ich mich dem Gefühl wertschätzend zuwenden und es „entschlüsseln“ – und damit für mich in seiner lähmenden Wirkung entschärfen. Wie geht das? – Zunächst suche ich den auslösenden Gedanken.

„Ich könnte sterben. Innerhalb der nächsten Woche.“

In diesem konkreten Fall war das nicht schwer zu erkennen. Ich hatte am Vortag von einem Bekannten erfahren, dass die 51-jährige Nachbarin eines Arbeitskollegen – sportlich, topfit, ohne bekannte Vorerkrankungen – in nur neun Tagen infolge einer Covid-19-Infektion gestorben ist. 51 Jahre alt. – Das ist die Altersgruppe meines Mannes. Für mich auch nicht mehr allzuweit entfernt. Ich bin von dieser Geschichte nicht nur berührt, ich bin – in Gedanken zumindest – unmittelbar betroffen.

Ich frage mich: inwiefern bin ich davon betroffen? Was hat die Geschichte mit mir zu tun? Auch das ist hier recht einfach: wenn eine ansonsten gesunde 51-jährige Frau an Covid-19 erkrankt und stirbt, dann kann es auch mich treffen. Ich gehöre nicht zu dieser allseits erwähnten „Risikogruppe“ – das hat jedoch, angesichts der Geschichte, keinerlei Relevanz. Mein Gedanke lautet: Wenn ich mich mit Corona infiziere, dann kann ich daran sterben. Punkt.

Nächster Gedanke: Ab nächster Woche geht unsere Viertklässlerin wieder zur Schule… damit ist unser Selbstschutz (durch achtsame Kontaktvermeidung und physische Distanz) nicht mehr ausschließlich selbstgesteuert. Der Schutz weicht auf, die Unsicherheit nimmt zu. Egal, wie groß oder klein die Wahrscheinlichkeit auch sein mag – Wahrscheinlichkeiten sind gerade vollkommen irrelevant, meiner Angst jedenfalls sind sie völlig egal. Ich könnte sterben. Innerhalb der nächsten Woche.

„Hör‘ der Angst doch einfach zu!“

Meine Vernunft setzt ein und möchte, dass ich mal nen Punkt mache: ich könnte auch in der nächsten Stunde vom Auto überfahren werden – die Möglichkeit zu sterben ist doch ein steter Begleiter, und auch wenn mir das klar ist versetzt mich das nicht in Panik. Worin liegt der Unterschied? Ich fange an, mit mir selber zu streiten und zu argumentieren, wo der Unterschied wohl liegen könnte, da ruft mein GFK-geschultes Herz: „Hey, das ist doch total egal! Du hast Angst, und das ist okay, und du darfst dich fragen, auf welche Bedürfnisse sie dich gerade aufmerksam machen möchte. Die Angst kommt dich besuchen, um dir etwas mitzuteilen, also hör‘ ihr einfach zu.“

Meine Angst zeigt mir: Ich hänge am Leben

Was sagt mir meine Angst? Dass ich am Leben hänge. Dass ich leben möchte. Was bedeutet „Leben“ in diesem Zusammenhang für mich? Das ist für mich die Schlüsselfrage. Spontane Antwort: Es bedeutet, dass ich Dinge tue, die mir Freude bereiten, die mich erfüllen. Dass ich erlebe, wie meine Kinder groß werden. Dass ich sehe, wie mein Werkeln im Garten Früchte trägt. Dass ich viele schöne Stunden mit meinem Mann genieße. Dass ich Zeit mit meinen Freundinnen verbringe. Dass ich Spuren hinterlasse. Dass ich DA BIN.

Mein Einfluss

Und nun? Da stehe ich im Garten, die nächste Welle der Angst rollt heran und ich heiße sie mit offenen Armen willkommen. Ich halte inne, atme tief durch und sage: Ich kann an meiner Sterblichkeit nichts ändern. Ob Autounfall oder Corona-Infektion, spielt dabei keine Rolle. Auf beides kann ich nur wenig Einfluss nehmen. Was ich aber tun kann ist:

  • jeden Augenblick meines Lebens dankbar dafür zu sein, dass ich lebe
  • mein Leben konsequent an dem ausrichten, was mir Freude bereitet
  • Dinge bleiben lassen, die mir nicht gut tun
  • täglich dafür zu sorgen, dass es angesichts des Todes nichts zu bedauern gibt
  • im Zusammensein mit meinen Mitmenschen stets bewusst zu haben, dass es das letzte Mal sein könnte, dass wir uns sehen
  • Vorsorge zu treffen, für den Fall der Fälle…

„Die Angst ist wie eine Aufforderung, schnell mal zu überprüfen, ob ich gerade in diesem Augenblick dabei bin, das Leben zu leben, das ich gerne leben möchte.“

Klingt alles nicht neu? Nein. Hab ich schon oft gelesen, hab ich mir auch schon oft (kognitiv) vor Augen geführt. Aber noch nie war ich so unmittelbar und von Herzen mit dieser Erkenntnis und Klarheit über meine Gestaltungsmöglichkeiten, meine Handlungsfähigkeit, verbunden. Die Angst, die immer noch unterschwellig vorhanden ist, ist nun mein Anker. Denn ihre Empfindung war für mich außerordnetlich beeindruckend, sie werde ich so schnell nicht vergessen. Sie ist eine Erinnerung. Ein Post-it Zettel mit die Aufforderung, schnell mal zu überprüfen, ob ich gerade in diesem Augenblick dabei bin, das Leben zu leben, das ich gerne leben möchte. Was bewirkt diese Erkenntnis in meinem Alltag?
Am Tag unmittelbar danach ergab sich schonmal folgendes:

  • Ich war keine 10 Minuten meines Tages auf Facebook und mit meinen Mails beschäftigt.
  • Ich war den ganzen Tag draußen.
  • Ich bin 3 Stunden mit einer Freundin im Wald unterwegs gewesen.
  • Ich habe immer mal wieder die Gartenschaufel fallen lassen, um meinen Kindern beim Spielen zuzusehen.
  • Ich habe die „Unterbrechungen“ bei der Gartenarbeit, beispielsweise wenn mir meine jüngste Tochter zum gefühlt hundertsten Mal ein Blümchen schenkt und einen hübschen Stein zeigen möchte, nicht mürrisch und genervt hingenommen wie sonst so oft, sondern mit Dankbarkeit.

Mittelfristig werde ich noch einmal auf den Prüfstand stellen, wie es beruflich und privat weitergehen soll. Ich höre des Öfteren, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Mag sein. Für mich ist sie gerade ungemein wertvoll: Sie aktiviert meinen inneren Kompass und holt mich, bei aller Zukunftsausrichtung, gleichzeitig ins Hier und Jetzt zurück.

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