Hilfe, Veränderung! Warum Abwarten und Tee trinken oft die beste Idee ist

Ich habe dich in meinem letzten Artikel eingeladen, in Zeiten von Veränderung nicht sofort zu handeln, sondern erst einmal abzuwarten, was als nächstes passiert. Ich möchte diesen Gedanken heute weiterverfolgen mit folgenden Leitfragen:

  • Hält uns die Angst vom Abwarten ab?
  • Worin liegt der Sinn des Abwartens?
  • Was hat das mit wertschätzendem und bedürfnisorientiertem Familienleben zu tun?

Ich gebe dir dazu drei Praxisbeispiele, eine Menge Denkanstöße und drei konkrete Aufgaben.

Thematische Eingrenzung: Veränderung ist ungleich unerwünschtes Verhalten

Für mich ist es wichtig und hilfreich, zwischen „unerwünschtem Verhalten“ und „Veränderung“ zu unterscheiden. Warum? Weil wir damit unterschiedlich umgehen sollten. Auf den ersten Blick gehen wir Eltern mit beidem recht ähnlich um. Üblicherweise greifen wir in irgendeiner Form in das Geschehen ein und „lenken“ die Geschicke so, dass alles wieder läuft wie gewünscht und geplant. Das liegt unter anderem daran,

  • dass wir, bewusst oder unbewusst, eine konkrete Vorstellung davon haben, wie wir die Dinge gerne hätten und die meisten von uns gern an Plänen und Vorstellungen festhalten.
  • dass beides – unerwünschtes Verhalten ebenso wie Veränderung – unangenehme Gefühle hervorruft, die wir gern loswerden wollen.
  • dass es in beiden Fällen vorkommen kann, dass Gefahren oder Schäden drohen und wir Menschen grundsätzlich mit diesem Risiko-Radar ausgestattet sind, der zu spontanem und schnellem Handeln auffordert.

Manchmal erkennen wir übrigens erst, dass wir es es eigentlich mit einer Veränderung zu tun haben, wenn sich unerwünschtes Verhalten wiederholt und häuft…

3 Praxisbeispiele für Veränderungen im ganz normalen Alltagswahnsinn

Praxisbeispiel 1: „Allein zum Spielplatz“

Die vierjährigen Zwillinge wollen neuerdings ganz viel alleine „unternehmen“: Brötchen holen beim Bäcker, ohne elterliche Begleitung zum nahegelegenen Spielplatz gehen, allein Freunde besuchen…

Praxisbeispiel 2: „Medienkonsum“

Über die letzten fünf Monate hat das Interesse der zehnjährigen Tochter an Bildschirmmedien (Handy, Tablet) kontinuierlich zugenommen. Sie bittet mittlerweile mehrmals täglich darum, die Medien nutzen zu dürfen. Die Nutzungsdauer steigt. Auch das Konsumverhalten ändert sich: von anfänglichen Informationsrecherchen ist die Tochter dazu übergegangen, Spiele-Apps zu verwenden und Youtube-Videos zu schauen. Neuerdings ist sie, wenn sie den Bildschirm vor sich hat, kaum noch ansprechbar und der Frust, wenn die Zeit rum ist, nimmt deutlich zu; es kommt zu heftigen Wutausbrüchen. Die Tochter zieht sich zunehmend zurück. Die Mutter ahnt: hier ändert sich gerade etwas.

Praxisbeispiel 3: „Schule ist blöd!“

Der siebenjährige Sohn kommt eines Tages aus der Schule und schimpft: „Schule ist blöd!“ An den darauffolgenden Tagen häufen sich derlei Kommentare. Gründe nennt der Junge seinen Eltern nicht, er wirkt zunehmend verschlossen. Nach einer Woche sagt er schon beim Weckerklingeln: „Heute geh ich nicht zur Schule!“

These: Angst und Unsicherheit treiben uns zum sofortigen Handeln

Ich beobachte an mir selbst, dass ich auf Veränderungen mit Unsicherheit, bisweilen auch mit Angst reagiere. Ich möchte dem entgegenwirken, um wieder auf der sicheren Seite zu sein und leite Gegenmaßnahmen ein. Oder versuche, Einfluss auf den Verlauf zu nehmen. In meinem letzten Artikel habe ich beschrieben, wie ich mit der Familie im Segelboot sitze und sich scheinbar ein Unwetter am Horizont zusammenbraut.

Ich möchte in diesem Fall schnellstmöglich handeln:

  • Ich habe Angst, dass das Unwetter schnell näher kommt und die mögliche Gefahr noch größer wird.
  • Ich habe Angst, dass ich immer weniger Handlungsmöglichkeiten habe und zu immer radikaleren Gegenmaßnahmen greifen muss, je länger ich warte.
  • Ich fürchte, es könnte irgendwann zu spät sein.

Im Bild des Seglers besteht möglicherweise eine reale Gefahr für Leib und Leben. Schnelles Handeln könnte Leben retten. Unser Stammhirn schickt uns diese Analyse prompt und bietet uns den Notfallmodus an. Mit einer ordentlichen Portion Adrenalin für erhöhten Fokus und Reaktionsgeschwindigkeit. Wenn ich mir aber nun die drei Praxis-Beispiele anschaue, dann möchte ich gern, dass mein Gehirn mir eine realistische Gefahreneinschätzung liefert (und nicht bei jeder Veränderung gleich den Mega-Alarm schlägt).

Beispiel 1: „Allein zum Spielplatz“

Die Ansage der Zwillinge „Mama, wir wollen allein zum Spielplatz“ könnte zu folgenden spontanen Reaktionen führen:

– „Nein!“
– „Ich komme mit!“
– „Ich bringe euch bis zur Ecke, wo ich den Spielplatz sehen kann und von dort aus dürft ihr alleine gehen.“

Bin ich besorgt um die Sicherheit der Kinder, werde ich mich bemühen, das Risiko zu umgehen oder zu minimieren. Je größer mein Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder und die allgemeine Sicherheit meines Wohnviertels, desto mehr Freiheit werde ich den Kindern zugestehen. Was uns hier davon abhält, einfach mal abzuwarten, was passiert, wenn wir sie alleine gehen lassen, ist unsere Sorge, es könnte etwas schiefgehen. Also Angst.

Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil ich die Angst auf gar keinen Fall verteufeln möchte, und auch nicht dafür plädiere, Risiken und Risikoeinschätzungen einfach zu ignorieren. Denn es ist durchaus realistisch und nicht unwahrscheinlich, dass die Kinder einem erhöhten Sicherheitsrisiko ausgesetzt sind, wenn sie sich gemeinsam, aber allein, ohne Eltern, auf den Weg machen.

Beispiel 2: „Medienkonsum“

Uhhh, Reizthema Nummer eins in vielen Familien, würde ich sagen.
Ich glaube, dass wir Erwachsene große Sorge haben, dass der Medienkonsum sich nachteilig auf die gesunde Entwicklung unserer Kinder auswirken könnte. Das möchte ich hier gar nicht thematisieren und diskutieren. Mir geht es um die Angst, die uns umtreibt. Im Vergleich zu dem Spielplatzbeispiel sind die Gefahren, die wir hier befürchten, eher diffus.

Weniger real, weniger konkret, denn „Entwicklung“ liegt in der Zukunft. Wir wissen schlicht nicht, ob und inwiefern und in welchem Maße welche Art von Medienkonsum für Kinder schädlich ist oder nicht. In unserem Praxis-Beispiel hat die Mutter das Ganze eine Weile sich entwickeln lassen und erkennt nun immer deutlicher, dass sich hier eine Veränderung manifestiert, die ihr nicht gefällt.

Ich schätze, dass sie sich immer häufiger fragt: „Was soll ich tun?“ Bezugnehmend auf meinen letzten Artikel würde ich sagen, sie ist über das Stadium des „Soll ich etwas tun?“ bereits hinaus.

Was sie tun könnte:
– Den Medienkonsum regulieren.
– Mit der Tochter sprechen.
– Attraktive Alternativen schaffen.
– Schimpfen, drohen, strafen.

Wie gesagt, mir geht es heute nicht darum, zu schauen, was „richtig“ wäre, sondern darum, zu belegen, dass wir gern etwas tun möchten, weil wir Angst haben vor den Folgen der weiteren Entwicklung.

Beispiel 3: „Schule ist blöd“

Das Kind weigert sich, zur Schule zu gehen? Au weia, das klingt nach einer großen Herausforderung. Ich vermute, die Eltern sind arg besorgt und möchten gern verstehen, aus welchem Grund das Kind die Schule plötzlich blöd findet.

Ihre spontanen Handlungsimpulse könnten sein:
– Das Begehr des Kindes ignorieren und ihm gut zureden („Ach, komm, es wird schon nicht so schlimm werden!“.
– Es zur Schule zwingen (mit welchen Mitteln auch immer).
– Das Gespräch mit dem Kind suchen und nach Ursachen forschen.
– Das Gespräch mit den Lehrkräften und ggf. anderen Eltern suchen.
– Das Kind einfühlsam begleiten.

Wenn du dich schon länger mit beziehungs- und bedürfnisorientierter Elternschaft beschäftigst, dann wird deine Wahl vermutlich auf die einfühlsame Begleitung fallen. Sofern du dazu in der Lage bist. Denn da ist ja noch die Angst! Diese blockiert unsere Empathiefähigkeit.

Unsere eigene Erziehung und die gesellschaftlich antrainierten Verhaltensmuster lassen uns rasant schnell und oft unbewusst „denken“: Ach herrje, wenn das Kind nicht zur Schule geht, dann … Und hier kommt in der Regel irgendeine bedrohlich erscheinende Prognose der weiteren Entwicklung, sei es Ärger kriegen, sich rechtfertigen müssen, die Schulpflicht verletzen und sich strafbar machen, das Kind könnte den Anschluss verlieren und im Unterrichtsstoff nicht mehr mitkommen, Kind allein zu Hause da Eltern berufstätig sind – die Folgen können mannigfaltig sein. Keine davon klingt verlockend.

Wir sind wahrscheinlich alarmiert und besorgt. Wir haben Angst. Ein „Nichts tun und erstmal abwarten“ bestünde in diesem Fall vielleicht darin, zu hören, wie das Kind sagt „Schule ist blöd“ oder „Heute geh ich nicht zur Schule“ und dann: nichts zu tun. Damit meine ich: nicht selber aktiv etwas tun, keine konkrete Handlung, die eine bestimmte Absicht hat. Sondern: hören, was das Kind sagt, innehalten und abwarten. Bleiben, wo man gerade ist und warten. Mit der vollen Präsenz, aufmerksam abwartend. Was passiert als nächstes?

Das setzt meines Erachtens nach allerdings voraus, dass ich mich selbst, meine Ängste und meine Triggerpunkte sehr gut kenne. Ich selbst habe diese Aussage meiner Kinder schon oft gehört – und immer (immer, immer immer ☹) spontan darauf reagiert. In allen Fällen würde ich sagen: meine Handlung war nicht hilfreich, teilweise habe ich es noch verschlimmert, und ich glaube, in allen Fällen wäre es vollkommen ausreichend und total hilfreich gewesen, einfach nichts zu sagen, nichts zu tun und mich nicht vom Fleck zu bewegen, sondern meine volle Aufmerksamkeit auf diesen einen Moment zu richten und meinem Kind wohlwollende Präsenz zu schenken.

Ich kann meine „Unzulänglichkeit“ hier sehr liebevoll annehmen, denn ich hatte Ängste, die mich trieben, Glaubenssätze, die mich prägen und eigene Bedürfnisse, die ich akut bedroht sah. Auch hier: es war die Angst, die mich davon abhielt, abzuwarten, was als nächstes geschieht.

Innehalten, Abwarten – oft ein guter Plan

Warum es sinnvoll ist, abzuwarten

Ich liebe den folgenden Spruch: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Der sagt genau das aus, was ich hier schreiben möchte.

Wenn ich in der Lage bin, die tatsächliche Gefahr für Leib und Leben realistisch und korrekt einzuschätzen, also meinem Stammhirn ein erstes Schnippchen zu schlagen, dann kann ich mir der Tatsache gewahr werden, dass die meisten meiner Ängste eine potentielle zukünftige Entwicklung betreffen. Meine Angst ist in den meisten Fällen auf die (unbekannte) Zukunft gerichtet!

Es wird ein Sturm aufziehen.
Er wird schlecht für mich sein.
Ich weiß nicht wie er sich entwickeln wird, aber gut werden kann es nicht…

Stopp!
Gut werden kann es nicht?
Wer sagt das?

Hach, mein Gehirn spielt wie immer alle Negativ-Szenarien durch, um mich zu schützen. Alles, was anders läuft als von mir geplant, kann nur schlecht sein und muss bekämpft werden, damit ich meinen Plan weiterverfolgen kann.

Aber was, wenn der Sturm einen für mich günstigen Verlauf nimmt?
Was, wenn er mich in die „richtige“ Richtung treibt? Wenn daraus am Ende Gutes erwächst?
Und wer sagt, dass der Sturm selbst sich nicht auch noch einmal ändert?

Ich habe hier zwei Thesen für dich:

  1. Wir sind als Menschen einfach nicht von Natur aus dazu gemacht, dass wir Positiv-Szenarien ganz unbewusst und mit hoher Priorität durchspielen. Wollen wir uns von den intuitiven, natürlichen Impulsen der Schwarzmalerei lösen, braucht es Bewusstheit und Übung.
  2. Um einzuschätzen, ob sich etwas für uns positiv entwickelt, brauchen wir noch etwas: das Ziel. Bringt mich ein Sturm vom Kurs ab, dann kann es doch sein, dass der „neue“ Kurs mich noch schneller ans Ziel bringt. Dass der Sturm mich, vielleicht auf unbequeme Weise, auf mein Ziel zutreibt – möglicherweise schneller als sich gut anfühlt.

Nun behaupte ich ganz dreist: Meistens haben wir im Alltag unsere Ziele gar nicht im Blick. Ich gehe sogar noch weiter und sage: die meisten von uns haben gar kein Ziel. Wie soll ich abschätzen, ob sich eine Veränderung möglichweise günstig auf mein Leben auswirkt, wenn ich gar nicht weiß, wo ich hinwill??

Auf den Punkt gebracht: es ist sinnvoll, erst einmal innezuhalten und abzuwarten, was als nächstes passiert, weil ich einen Moment brauche, um mein Ziel in den Blick zu nehmen und dieses in die Gesamteinschätzung einzubeziehen. Ich brauche nicht nur eine Bestimmung des neuen Standortes, sondern vor allem eine Abschätzung, in welche Richtung sich das Ganze bewegt – auf mein Ziel zu oder von ihm weg. Um eine passende Handlung zu wählen ist es außerdem hilfreich, die Geschwindigkeit der Entwicklung abzuschätzen. Das kann ich besser, wenn ich selber mich nicht auch noch in Bewegung setze sondern mich der Dynamik der Veränderung für einen Moment hingebe. Die Schlüsselfrage für mich ist: was ist mein Ziel? Mein langfristiges, wahrhaftiges Ziel?

Nur wenn ich mein Ziel kenne, kann ich auch den Weg finden

Was ist mein Ziel, wo will ich hin?

Beispiel 1: „Wir gehen allein zum Spielplatz“

Die Kinder wollen allein zum Spielplatz. Da ist zunächst einmal (und immer noch) meine Angst um ihre Sicherheit. Diese nehme ich wahr und akzeptiere, dass sie da ist.

Ich frage mich nun: was ist mein langfristiges Ziel? Es fällt mir in diesem Fall leicht, dieses zu finden. Denn langfristig habe ich den Wunsch, die Kinder mögen unabhängig werden, selbstständig, eigene Erfahrungen sammeln und lernen, Selbstvertrauen entwickeln… Mein Ziel ist es, sie dabei zu begleiten und ihnen all das zu ermöglichen – und gleichzeitig meiner elterlichen Verantwortung gerecht zu werden und ihnen den sicheren Rahmen für eigene Erfahrungen zu bieten.

Mein Fazit für Beispiel 1:
Dass die Kinder nun alles alleine machen wollen (aus eigenem Antrieb!) bringt mich meinen Zielen eindeutig näher. Was auch immer ich sage und tue: es muss für mich okay sein (Sicherheit für Leib und Leben der Kinder), und es sollte den Kindern ein Maximum an Vertrauen in ihre Kompetenz vermitteln.

Meine Ideen für die „Abwarten und schauen, was passiert“ – Strategie wären:
– Die Kinder gehen lassen, wenn es keine Gefahren unterwegs gibt, die sie noch nicht allein überwinden können (vielbefahrene Straße, Ampel) (wenn ich es brauche: ihnen mit Abstand unbemerkt folgen).
– Sie bis zu einer Stelle begleiten, ab der sie gut allein gehen können, die aber immer noch eine Herausforderung für die Kinder darstellt.
– Sie einfach allein gehen lassen und vertrauen.

Beispiel 2: Medienkonsum

Ich bin besorgt, weil mir die gesunde Entwicklung meines Kindes am Herzen liegt. Ich glaube, oder fürchte, dass ein übermäßiger Medienkonsum sich negativ auf Gesundheit und Sozialleben auswirkt.

Gleichzeitig habe ich weitere langfristige Ziele:
Verantwortungsbewusster Umgang mit Medien, Bedürfnisse eigenverantwortlich erfüllen und eigene Grenzen spüren, Selbstregulierung, unangenehme Erfahrungen machen dürfen, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit. Da ist auch noch das Ziel, eine Beziehung auf Augenhöhe mit meinem Kind zu führen, die Qualität der Beziehung zu pflegen. Gleichzeitig meiner Verantwortung gerecht zu werden und ggf. auch den Mut zu haben, für mein Kind unangenehme Entscheidungen zu treffen.

Auch hier schaut bitte jeder bei sich selbst, welche Ängste da sind, welche davon auf konkreten Beobachtungen beruhen und welche davon eher diffus sind. Was ist für mich noch okay, was nicht? Und jedes Kind ist anders: ich habe drei Kinder, und jedem kann ich unterschiedliche Dinge zumuten. Bei jedem würde meine Einschätzung anders ausfallen.

Ich finde allerdings: wenn ich mich hier entscheide zu handeln, dann sollte ich klar sein. Klar für mich, was ich brauche, was für mich okay ist und was nicht. Und ich sollte dazu in der Lage sein, mein Kind zu hören und einfühlsam zu begleiten. Ich plädiere also auch hier dafür, meine eigene Geschichte nicht zu der meines Kindes zu machen. Dringende Empfehlung: die Selbstklärung mit jemand anderem machen, ohne dass das Kind dabei ist.

Was würde ich, Verena, gern tun in einem solchen Fall? Mein „Ideal“ ist beim Thema Medien tatsächlich: abwarten und aufmerksam beobachten, was passiert. Vertrauen und dem Kind etwas zutrauen. Und auch zumuten. Ich persönlich glaube, dass der Weg zu wirklich schädlichem Medienkonsum ein längerer ist. Also, ich meine: wirklich lange. Mehrere Monate ganz bestimmt. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, zu schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Ich möchte meiner Tochter Raum geben für Selbstregulierung.

Meine langfristigen Ziele vor Augen bekämpfe ich rigoros sämtliche Horrorszenarien, die sich in meinem Kopf breit machen und mir akute Gefahr suggerieren. Ich beobachte einfach nur, was passiert. Meine „ideale“ Handlung wäre in diesem Fall das Angebot vertrauensvoller, bewertungsfreier Gespräche. Ich vertraue darauf, dass es eine ganze Weile braucht, bis echter Schaden entsteht. Die Notbremse ziehen kann ich also auch später noch.

Allerdings sage ich dir ehrlich: dies ist mein „Ideal“. Ich bin längst nicht immer in der Lage, gleichmütig hinzunehmen, dass sie sich schon wieder das iPad schnappt und im Zimmer verschwindet…  Die Sache mit dem Vertrauen ist echt nicht leicht…

Beispiel 3: „Ich geh nicht mehr zur Schule“

Ich mache es kurz: mögliche Sorgen, was alles passieren kann, wenn das Kind nicht zur Schule geht, habe ich oben bereits beschrieben. Es besteht keine akute Gefahr für Leib und Leben. Die kurzfristigen Folgen einer Schulverweigerung sind überschaubar und ziemlich berechenbar. Wir haben Zeit.

Interessant wird es hier aber, wenn wir auf die langfristigen Ziele schauen: welche Rolle spielt der Schulbesuch meines Kindes in Hinblick auf meine langfristigen Ziele?
Mein Mann und ich legen viel Wert auf die Qualität unserer Beziehung zu unseren Kindern. Uns sind  eigenständiges Denken und Verantwortungsübernahme wichtig.

Wir würden im Falle einer Schulverweigerung (hatten wir übrigens schon, dieses Thema) erst einmal wirklich nur schweigen, präsent sein (also liebevoll zugewandt) und abwarten. Und wenn nichts passiert, also das Kind nichts sagt und sich tatsächlich einfach weigert, zur Schule zu gehen, dann würden wir seine Entscheidung akzeptieren und gemeinsam abwarten, was als nächstes passiert.

Eines ist sicher: auch wenn wir gemeinsam nichts weiter tun als abzuwarten – irgendetwas wird früher oder später passieren, und dann ändert sich die Situation erneut. Der Wind wird drehen, oder rauher werden, oder wieder verschwinden, wer weiß das schon?

Erstens kommt es anders…

Und hier noch einmal alles auf einen Blick:

Veränderungen katapultieren uns aus der Komfortzone und wir Menschen neigen dazu, gegensteuern oder zumindest mitgestalten zu wollen. Wir handeln. Wenn wir handeln, dann sollten wir klar sein in dem, was wir damit erreichen wollen. Die ggf. erforderliche Selbstklärung sollten wir unserem Kind nicht aufbürden, unsere Geschichte teilen wir besser mit einem anderen Erwachsenen.

In den meisten Fällen wäre es jedoch durchaus sinnvoll, zunächst einmal abzuwarten und nichts zu tun als präsent zu sein und zu beobachten, was als nächstes passiert. Allerdings halten uns oft unsere Ängste und unsere pessimistischen Zukunftsprognosen davon ab. Dabei wäre es hilfreich, zunächst zu schauen, ob die Veränderung nicht sogar günstig ist für uns. Möglicherweise bringt uns der erzwungene Kurswechsel unseren Zielen näher?

Das setzt jedoch voraus, dass wir angesichts der „Bedrohung“, die die Veränderung für uns darstellt, geistesgegenwärtig genug sind, all unsere Ziele in den Blick zu nehmen. Und dass wir überhaupt Ziele haben.

Zum Schluss habe ich drei konkrete Aufgaben für dich:

1. Frage: Mit wem klärst du dich selbst? Findest du Klarheit im Dialog mit deinem Kind, oder findest du Klarheit im Selbstgespräch oder Kontakt mit einem anderen Erwachsenen?
Aufgabe: Benenne mindestens eine, besser drei erwachsene Personen, die du ansprechen kannst, wenn du dir über deine Ziele und Absichten klar werden willst.

2. Frage: Wie gehst du generell mit Veränderungen um? Erlebst du sie tendenziell eher als bedrohlich oder eher als anregend? Wie geistesgegenwärtig bist du angesichts der „Bedrohung“, die der Kick aus der Komfortzone für dich möglicherweise darstellt? Was würde dir helfen, dich selbst daran zu erinnern, dass es manchmal besser ist, abzuwarten und nichts zu tun, als spontan zu handeln?
Aufgabe: Setz dir einen Anker. Finde irgendetwas, das dich daran erinnert, innezuhalten und das Ziel in den Blick zu nehmen, bevor du der Angst das Ruder übergibst.

3. Frage: Hast du langfristige Ziele? Wie gewohnt bist du daran, sie regelmäßig in den Blick zu nehmen? Vereinnahmt dich der Alltag und „funktionierst“ du eher als dass du selber steuerst? Oder hast du deine Ziele stets fest im Blick?
Aufgabe: Finde drei langfristige Ziele für dein Leben mit den Kindern. Notiere sie dir so, dass du sie dir bei Irritationen, Veränderungen und in angstgesteuerten Momenten schnell vergegenwärtigen kannst.

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Fotos: Studio7042/StockSnap (2), Freestocks.org

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