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„Du kannst die Wellen nicht anhalten, aber du kannst lernen zu surfen.“ 

Jon Kabat-Zinn

So vergleicht Jon Kabat-Zinn, der in den 80er Jahren das inzwischen weltweit anerkannte Programm Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) entwickelte, gerne das Wellenreiten mit dem Erlernen der Achtsamkeitspraxis, und er scheint damit darauf hinzuweisen, worum es in der Achtsamkeit geht. Um das Erleben in eben diesem Moment, das Annehmen jeder Strömung und das aufmerksame Beobachten des Heranrollens jeder einzelnen Welle. Um sie dann gemäß ihrer natürlichen Gegebenheiten zu surfen.

Die Flutwelle

Die spannendste Welle meines bisherigen Lebens glich einem Tsunami. Wie eine Flutwelle, sah ich sie damals nicht kommen. Bis zu dem Moment, in dem sie alles, was mich ausmachte, mit sich riss und drohte, mich in die unendlich dunklen Tiefen meines eigenen Seins hinabzuziehen. Diese Welle erblickte im Frühjahr 2015 das Licht der Welt. Und eigentlich war es nicht nur eine Welle, sondern ein Set aus zweien: die eine heißt L., die andere N., beide heute fünf Jahre alt. Ich begann damals zu paddeln, aber meine Beine waren gelähmt. Ich versuchte mich auf’s Brett zu ziehen, doch rutschte immer wieder ab. Ich suchte verzweifelt nach dem rettenden Weißwasser, aber der Strand war zu weit entfernt. Also kämpfte ich auf hoher See ganz allein um mich. Um mein Sein, mein altes Leben – so wie ich es zuvor gekannt hatte. Doch alles half nichts. 

Erbarmungslos wurde ich mitgerissen ins Innere meiner eigenen Seekarte, hinein in die Untiefen von Überforderung, Ohnmacht und Wut. 

Es war der dreijährige N., der mir den Rettungsring zuwarf, als er für mich damals vollkommen unerwartet auf die Notlage in unserem Leben aufmerksam machen wollte. Er schrie mich an! Mein Dreijähriger. Er war wütend und zwar zurecht. Ich war ständig auf hundertachtzig: meckerte, motzte und nörgelte. Schon viel zu lange. Also fing ich an, nach Möglichkeiten zu suchen, die mich irgendwie ermächtigen könnten, meinen Kopf länger und sicherer über Wasser zu halten. Damit meine Kinder nicht das gleiche Schicksal ereilen würde wie mich: dass sie in der Bedeutungslosigkeit ihrer Rolle als Kinder untergingen und ihr Leben an Selbstzweifel und vermeintliche Wertlosigkeit verschwenden würden. Ich musste etwas tun! Also begann ich zu recherchieren. Ich fing an zu verstehen, dass es nicht darum geht, wer ich für meine Familie war, sondern darum, wer ich für mich war und wer ich eigentlich sein wollte. Und so kam ich irgendwann auch zur Achtsamkeit. 

Mir erfüllt das Achtsam sein vor allem die Bedürfnisse, die sonst so leise sind, dass sie irgendwo in der Seele versteckt bleiben, und die sich vielleicht nicht einmal trauen, gesehen werden zu wollen. 

Deren Erfüllung am Ende jedoch so unerwartet guttut: Sein dürfen, Mitgefühl erhalten, Klarheit bekommen. Deshalb bin ich zur Achtsamkeit gekommen: um diesen kleinen Bedürfnissen etwas mehr Raum zu geben. Und vielleicht ein kleines bisschen weniger zu nörgeln.

Das Experiment

Also wagte ich vor einigen Wochen ein Experiment: ich besuchte ein Schweige-Retreat. Ich lernte die Grundlagen der Meditation, ich übte und schwieg. Und als ich drei Tage später das Kloster verließ, hatte ich sowohl einen Berg Bücher im Gepäck als auch die Entschlossenheit achtsamer zu leben. Der nächste Schritt war schon gebucht: ein Seminar über die Parallelen zwischen Gewaltfreier Kommunikation und Achtsamkeit Ende März. Klang spannend!

Nun ja, wir alle wissen, was dann passierte… Die Folgen von COVID-19 sind für sehr viele Mitmenschen unfassbar tragisch. Ich bin dankbar und glücklich, denn die einzig wirklich spürbare Folge für mich ist, dass ich jetzt 24/7 mit arbeitendem Ehemann und zwei ultra-aktiven Fünfjährigen in einer Etagenwohnung ohne Garten hocke, Fluchtmöglichkeiten ausgeschlossen. Seminare abgesagt. Mein Achtsamkeitsprojekt: vorerst auf Eis. 

Aber schreit nicht gerade jetzt praktisch jede Sekunde dieser für uns Alle so unsicheren Lebenssituation danach, achtsam zu sein? Achtsam mit uns selbst, achtsam mit unseren Familien, achtsam mit unseren Mitmenschen? So, als würden wir das Surfen lernen während unser Leben gerade von einer alles vernichtenden Flutwelle gepackt und weggerissen wird. Wohin? Das wissen wir nicht. Doch jedem Ende wohnt ein Anfang inne, oder? Für mich ist dies mein Anfang, ich lerne jetzt surfen.

Das Achtsamkeits-Logbuch

Der Anfängergeist ist eine Säule der Achtsamkeitslehre. Weil Anfänger üblicherweise neuen Erfahrungen mit einer weniger fertigen Meinung gegenüberstehen, sind sie offen und kreativ. Ich werde diese neugierige, unvoreingenommene Haltung nutzen um meine Reise in die Achtsamkeit zu dokumentieren, als eine Art öffentliches Lerntagebuch. Angefangen mit den Basics werde ich mich jeden Monat ein-zwei Aspekten der Achtsamkeit widmen und mir diese vor allem vor dem Hintergrund des Miteinanders in Familien etwas genauer anschauen. Ich werde meine persönlichen, ungeschminkten Erfahrungen im Logbuch festhalten und versuchen, anwendbare Strategien für Achtsamkeit nicht nur mit mir selbst sondern auch mit meinen Lieben zu entwickeln. 

Und du bist von ganzem Herzen dazu eingeladen mich dabei zu beobachten, wenn du magst. Es zu mögen oder auch nicht. Zu schauen, was für dich passt und was nicht. Mitzunehmen, was dir hilfreich erscheint und bei mir zu lassen, was für dich überflüssig ist. Das ist dann für mich. Für mein Logbuch der Achtsamkeit. Meine Erinnerung. Im stetigen Geist einer Anfängerin.

Und wenn du magst, trage dich in unseren Newsletter ein um keine Episode meines Achtsamkeits-Logbuchs zu verpassen.

Alles Liebe & bleib gesund!

Constance

Zum Stöbern: Weitere Folgen des Logbuchs

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