Drei Übergänge. Oder Vier? Oder Sechs? Ein Reset bei Familie Ohn

So. Die Sommerferien sind zu Ende. Der Corona-Lockdown auch.
Eine neue Normalität hält Einzug.
Und das nach einem wirklich aufregenden Dreivierteljahr.
Die Aufregung ist jedoch mitnichten allein Corona geschuldet! Es gab eine ganze Reihe von Veränderungen und Übergängen, die überhaupt nichts mit Corona zu tun haben. Bei uns begann das alles bereits im November des letzten Jahres.

Aber der Reihe nach.

1. Unsere Jüngste

Lebwohl, Kita-Zeit. Willkommen, Schulzeit!

Juchuh! Endlich, endlich ist auch unsere Jüngste in der Schule! Wir freuen uns, weil sie wirklich Lust auf Schule hatte. Viele Jahre Kita liegen hinter ihr und es wurde Zeit für etwas Neues. Für sie war die Idee von Schule nichts Abstraktes, Unbekanntes: die älteren Geschwister gehen ja bereits seit mehreren Jahren dorthin. Mit dem Schulgebäude, dem Schulhof, den Abläufen, den Lehrern, den OGS-Mitarbeitenden – mit sämtlichen Routinen war sie vertraut. Der Übergang zur Schule würde im wahrsten Sinne des Wortes ein Kinderspiel werden.

Dachten wir.

Gleich zwei Übergänge.

Bis wir im November 2019 ins Bewerbungsverfahren an einer freien Grundschule gingen – und uns im Dezember wie erhofft ein Platz zugelost wurde! Ab da war klar: Unser i-Dötzchen wird ab Sommer 2020 auf eine freie Schule gehen.

Eine Schule, die wir nicht kennen.
Wo keine Freunde und Bekannte unserer Kinder hingehen.
Die nicht in unserem Wohnort ist.
Was eine familienlogistische Herausforderung für uns darstellt und sämtliche Abläufe, die wir bisher kannten, über den Haufen wirft.

Das bedeutet, zusammengefasst: wir hatten es nicht nur mit dem Übergang von der Kita in die Schule zu tun. Sondern wir sahen uns zusätzlich mit einem weiteren Übergang konfrontiert: von der uns bekannten Regelschule zu der für uns neuen Welt einer freien Schule.

Eine spannende Frage.

So sehr wir uns auch danach gesehnt haben: als klar war, dass unser Traum wahr wird, mussten auch wir Eltern uns erst einmal innerlich auf das Neue einstellen.
Ein Übergang! Für uns Erwachsene!

Und plötzlich ploppt da bei mir die Frage auf: Wie begleiten wir Erwachsene uns selbst (und einander) eigentlich durch Übergänge?

2. Unser Mittlerer

Enttäuschung hier. Erleichterung dort.

So beglückend die Nachricht zur Einschulung für die Jüngste war, so enttäuscht waren wir Ende Januar. Da erfuhren wir, dass der ältere Bruder leider nur einen Platz auf der Warteliste der freien Schule ergattern konnte. Wir hatten gehofft, auch er könne ab Sommer dort die 3. Klasse besuchen.

Er selbst fand diese Nachricht nicht schlimm. Im Gegenteil. Er war überhaupt nicht begeistert gewesen von unserer Idee, er solle auf eine andere Schule wechseln. Er sagte:

„Klar, die Schule ist schon echt toll und so. Aber meine ganzen Freunde sind alle zu Hause. Wenn ich zur fünften Klasse eh die Schule wechsele, dann kann ich ja immer noch an die freie Schule gehen. Ich will jetzt hier nicht weg!“

Aus seiner Sicht war das Pech bei der Auslosung ein Glücksfall.

Erste Überraschung: Schulwechsel möglich!

Dann passierte das Unerwartete. Am vorletzten (!!) Schultag vor den Sommerferien rief die freie Schule an. Wir kamen gerade von einem sehr anstrengenden Termin beim Kinderarzt (alles andere als entspannt!) und standen noch vor der Praxis, als das Telefon klingelte:

„Es ist ein Kind abgesprungen; Ihr Sohn kann von der Warteliste nachrücken und ab August in die dritte Klasse zu uns wechseln!“

Puh. Das war ein Schock! Ein schöner zwar für uns Eltern, aber im ersten Moment völlig überwältigend für mich!

Wir erzählten unserem Sohn davon und er war wirklich alles andere als erfreut. Als allererstes kam ein deutliches

„Nein, da gehe ich nicht hin!“

Wir sprachen den restlichen Nachmittag immer mal wieder darüber, hörten uns seine Bedenken an, ließen den Gedanken sacken. Ich selbst haderte mit der Entscheidung, denn ich habe als Kind recht häufig die Schule gewechselt und finde das, so im Nachhinein betrachtet, nicht immer lustig… Es war ein Wechselbad der Gefühle für mich.

Zweite Überraschung: es ist okay!

Unser Sohn war recht still an diesem Nachmittag.

Ich jedoch war rastlos, wollte was tun, ins Handeln kommen. Also telefonierte ich schonmal mit der Leiterin seiner bisherigen Grundschule. Und mit der Klassenlehrerin. Ich erkundigte mich nach den Regularien einer Abmeldung (Müssen wir schnell entscheiden? Haben wir Bedenkzeit?). Ich fragte nach Möglichkeiten eines Abschieds (Sollten wir uns heute Abend noch entscheiden, sodass ein Abschied am letzten Schultag organisiert werden kann?).

Nachdem alle praktischen Fragen geklärt waren, war auch unser Beschluss klar.

Abends, auf der Bettkante sitzend, informierte ich meinen Sohn:

„Papa und ich haben uns Deine Meinung und Deine Gründe angehört. Wir haben gehört, wie es Dir damit geht und haben uns darüber beraten. Nun haben wir entschieden, dass Du ab August in die dritte Klasse der freien Schule gehen wirst.“

Nach dem ersten Schock am Nachmittag kam nun für mich die zweite große Überraschung des Tages. Er antwortete nämlich:

„Ja, ist gut, Mama.“

Drehte sich um und schlief ein. In seinem letzten Blick lag eine unendliche Erleichterung und mir schien, als fiele ganz viel Anspannung von ihm ab.

Eine wichtige Erkenntnis.

Ich hatte erwartet, dass er wütend werden würde, traurig, voller Schmerz und Hass auf uns. Ich hatte mich innerlich gewappnet, dass er weglaufen und sich verkriechen würde.
Nein, im Gegenteil.
Ich glaube, er fühlte sich von einer Last befreit.

Da wurde mir klar, wie extrem wichtig es gewesen war, dass wir Eltern die Entscheidung treffen. Dass nicht er in dieser Frage wählen muss. Wir haben Klarheit geschaffen. Orientierung geboten.
Wir haben Verantwortung übernommen.

3. Unsere Älteste

Wechsel aufs Gymnasium. Eine Übergangsphase?

Wie sehr hatten wir uns gewünscht, auch unsere Älteste könne auf die Freie Gesamtschule wechseln! Wie enttäuscht waren wir, als wir erfuhren, dass dort in diesem Jahr keine Plätze in der 5. Klasse zu vergeben sind… Also besichtigten wir im November 2019 alle infrage kommenden weiterführenden Schulen in unserem Wohnort. Wie alle anderen Eltern auch. Und doch war die Entscheidung für das Gymnasium, auf das sie nun seit zwei Wochen geht, irgendwie nur eine halbherzige:

„Ich geh da ja eh nur ein Jahr hin, dann kann ich ja auch auf die freie Schule gehen.“

Heißt das, wir befinden uns jetzt quasi ein ganzes Schuljahr lang in einem Zustand des Übergangs? Ich jedenfalls bin ein bisschen besorgt bei dem Gedanken, dass die Hoffnung auf einen Platz an der freien Schule unserer Tochter das Ankommen am Gymnasium erschwert.

Aber das ist nur meine Sorge. Meine Geschichte.

Ach was! Ankommen und Loslegen.

Wir durften feststellen, dass „die Große“ diesen Wechsel und Übergang völlig souverän meistert. Erstmals mit dem Bus zur Schule fahren? Selbst entscheiden, wann sie nach Schulschluss nach Hause kommt? Hausaufgaben und Ranzenpacken nun gänzlich ohne elterliche Begleitung alleine bewältigen? Natürlich auch mal den falschen Bus nehmen, zu spät kommen, den Klassenraum nicht finden, im falschen Religionsunterricht landen… Das alles hat sie ganz allein hingekriegt. Wow! Welch eine Freude, zu sehen, wie gut es ihr mit der neuen Selbstständigkeit geht.

Klein und groß. Alles gleichzeitig.

Was wir allerdings auch gerade merken: dass ihr das „Kleinsein“ fehlt. Nachmittags sehen wir, wie unsere große, selbstständige, herangereifte Tochter am liebsten mit der Jüngsten spielt, Nähe sucht, sich begleiten und unterstützen lässt. Hier findet also neben dem Schulwechsel noch ein ganz anderer Übergang statt. Ein größerer, länger andauernder, bedeutenderer: der vom kleinen Kind zum großen Kind.

4. Wir Eltern: mein Mann und ich

Ende meiner Elternzeit. Demnächst selbstständig.

Tja, und scheinbar ist all das an Veränderung noch nicht genug. Meine Elternzeit endete planmäßig am 27. August (ja, genau, das war diese Woche!!) und ich kehre nicht in meinen Job als Angestellte zurück. Wer diesen Blog schon länger liest und unseren Newsletter abonniert hat, der ist auf dem Laufenden und weiß: Birthe und ich haben beschlossen, ein richtiges Unternehmen zu gründen.
Und für mich ist die Selbstständigkeit neu.
Aber noch haben wir nicht gegründet (zumindest nicht formell). Seit drei Tagen nun bin ich offiziell „Hausfrau und Mutter“. In der Familienversicherung krankenversichert, ohne in die Rentenkasse einzuzahlen.
Familienmanagerin, in neudeutsch.

Für mich ist dies jedoch nur – genau, eine Phase des Übergangs!

Bis dahin: Klarheit gewinnen. Rollen überdenken.

Mein Ziel ist, die familiäre „Financial Load“ zu teilen, Einkommen zu erwirtschaften, mich beruflich zu betätigen und meine beruflichen Träume zu verwirklichen.
Die absehbar zeitlich begrenzte Phase des Übergangs werde ich nutzen, um mich nochmal intensiver mit meinem Rollenbild im Allgemeinen sowie meiner eigenen Rolle im Speziellen auseinanderzusetzen.

Klar wird jetzt schon: das tägliche Arbeiten im Home Office, das Teilen der Aufgaben des Familienmanagements mit meinem Mann und die neuerdings wichtiger werdende Beteiligung der Kinder am Haushalt katapultieren die gesamte Familie raus aus der Komfortzone.

Mein Übergang ist auch für sie ein Übergang…

Für meinen Mann: Reise ins Ungewisse

Mein Mann befindet sich seit März in einer Art Dauerübergangsphase. (Ich denke gerade, dass das furchtbar anstrengend sein muss…). Die jetzige Festanstellung endet demnächst. Wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Sucht er sich einen neuen Job als Angestellter? Oder wird er demnächst wieder selbstständig tätig sein, wie früher? Aber als was? Als Interim Manager, wie bisher? Oder lieber als Mediator, Coach und Familientherapeut?

Das will alles ausgelotet werden. In Zeiten von Corona. Puh…

Gleichzeitig erlebe ich ihn hier daheim als Fels in der Brandung. Er ist da, er ist verlässlich und er begleitet all die oben beschriebenen Übergänge mit einer Ruhe, die ich sehr bewundere. So leicht wirft ihn nichts aus der Bahn…

Und, wie läuft das jetzt so, bei Familie Ohn?

Es läuft unerwartet gut.
Wir haben im Prinzip einmal auf den „Reset“-Button gedrückt und unseren Familienalltag mit Wiederbeginn der Schule komplett neu definiert.

Die Kinder verlassen alle ungefähr zur gleichen Zeit das Haus. Die Abhol- und Rückkehrzeiten sind fest vereinbart. Die Hobbies bestimmen das Nachmittagsprogramm. Zum Abendessen kommen wir wieder alle zusammen und lassen den Tag meist gemeinsam ausklingen.

Ich habe jetzt feste Arbeitszeiten und koche nur noch an drei von fünf Arbeitstagen. Es gibt Vereinbarungen darüber, wer von uns Eltern die Kinder zur Schule bringt und wer sie abholt, wer sie nachmittags zu ihren Hobbies fährt und wer sich um schulische Angelegenheiten kümmert.

Wir haben dank unserer Blogartikel (hier und hier) über Mental Load einige Gespräche über Zuständigkeiten und Rollenverständnis, über Erwartungen und Wünsche geführt. Das macht es mir nun deutlich leichter, Verantwortung abzugeben, Unterstützung zu holen und mir meinen Raum (immer häufiger auch ohne Gewissensbisse) zu nehmen.

Es ist noch nicht alles rosig und eitel Sonnenschein, die ein oder andere Baustelle gibt’s noch zu beackern.

Aber: Wir haben seit Ende der Sommerferien einen deutlich entspannteren Alltag. Mehr Qualitätszeit miteinander. Mehr Momente inniger Verbindung. Weniger Konflikte.

Was dazu beigetragen hat, dass es so gekommen ist, das schreibe ich ein anderes Mal.

Ich kann nur ganz erleichtert sagen: ich denke, das haben wir ziemlich gut hingekriegt, alle miteinander!

Danke an Birthe, die das Thema Mental Load in unser Team getragen und mich an ihren Erfahrungen als Selbstständige hat teilhaben lassen. Sie hat mich inspiriert, wo ich Orientierung brauchte, und ermutigt, wenn ich mit mir selbst haderte.

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