Was eine alte Kaffeemühle mit Achtsamkeit zu tun hat

Es ist Sonntagmorgen, ich stehe unter der Dusche und versuche die weichen, warmen Wassertropfen auf meiner Haut wahrzunehmen um meine Achtsamkeit zu schulen. Plötzlich höre ich lautes, begeistertes Jaulen und Jubeln aus dem Nebenzimmer. Ich halte kurz inne, lausche. Und entscheide, nicht einzugreifen. Vermutlich haben die Jungs nur mal wieder den Joghurt durch die Nase gegessen und testen jetzt in ihrem kindlichen Enthusiasmus, was es alles noch damit zu tun gibt. Und tatsächlich: als ich aus dem Badezimmer in die Küche komme, bietet sich mir ein wirklich faszinierendes Bild. Die Jungs hatten sich zuerst die Kaffeebohnen geschnappt, dann unsere alte Kaffeemühle vom Schrank gefischt und begonnen die Bohnen einzufüllen und zu mahlen. Da dies ihre Bedürfnisse nach Kreativität und Selbstwirksamkeit noch nicht so ganz befriedigt zu haben schien, entschieden sie sich offensichtlich, den Haarfön aus dem Badezimmer zu holen und dann zu schauen, was passiert, wenn man ihn auf voller Stufe auf den frisch gemahlenen Kaffee richtet…

Ich beobachtete, wie mein Mann sich hektisch auf die Suche nach dem Staubsauger machte während er den Beiden rücklings noch zurief, wie unnötig dies doch jetzt wirklich sei und was sie sich nur dabei gedacht hätten. Während ich etwas unsicher war, ob Lachen oder Heulen angebracht wäre, jagten mir die verschiedensten Gedanken und Gefühle durch Kopf und Körper. Wie waren sie nur auf den Schrank gelangt? Wieso habe ich nicht gemerkt, dass sie den Fön im Badezimmer geholt hatten? Kindersicherung??? Wie kommen die überhaupt auf solche Ideen? Ich spürte Ärger, Widerstand und Sorge. Gleichzeitig war ich amüsiert und ein wenig stolz auf den Entdeckergeist meiner zwei Wonneproppen. Ich wollte nicht meckern, nicht nörgeln oder sonst was destruktives tun. Ich wollte die Situation achtsam betrachten und schauen, was ich daraus lernen kann.

Der kindliche Anfängergeist 

Kinder sind in der Lage, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Sie haben noch keine Konzepte im Kopf, wie etwas zu sein hätte. Kinder betrachten jeden Moment im offenen Anfängergeist. 

So auch die alte Kaffeemühle. Sie dachten nicht darüber nach, dass dieses Gerät ein Erbstück war und eigentlich zur Dekoration diente. Auch nicht, dass ein Fön grundsätzlich zum Haare trocknen gedacht ist. Oder, dass das frisch gemahlene Kaffeepulver die gesamte Küche in feinen dunkelbraunen Staub hüllen würde. Was wiederum dazu führen würde, dass wir danach erstmal eine Putzrunde einlegen müssten. Obwohl wir eigentlich zum Spielplatz wollten. Sie sahen all diese Gegenstände in ihrer Ursprünglichkeit und mit Tausenden von Möglichkeiten verbunden, all das zu tun, was man gerade damit tun wollte. Also nutzten sie sie.

Sie nahmen die frischen Bohnen und tauchten ihre kleinen Näschen hinein, atmeten den frischen Kaffeeduft, hörten, wie die Bohnen polternd in die Mühle glitten, drehten den knarzenden Hebel im Kreis und beobachteten, wie das frische Kaffeepulver in der kleinen, schwergängigen Schublade landete, um dann von einem kräftigen Luftstrom in die Höhe gewirbelte zu werden. Hunderte von Eindrücken, die sie wie kleine Forscher – unvoreingenommen, aufmerksam und völlig offen für jede Art Entdeckung – in sich aufsogen. Wie ein ausgetrockneter Schwamm das Wasser in sich aufnimmt und erst dadurch seine wahre Größe erreicht. 

Und so kam es, dass unsere Espressobohnen, ein altes Dekorationsstück meiner Urgroßmutter und ein Haartrockner dazu führten, dass Millionen kleiner Kaffeekörnchen die Küche in einen betörenden Duft tauchten, während zwei abgebrochene Meter abwechselnd kichernd und kreischend immer wieder neue dunkelbraune Luftströme fabrizierten, die jede noch so kleine Ritze des Raumes erreichen sollten. 

Der Anfängergeist als Geisteshaltung

Der Anfängergeist ist eine wichtige Haltung in der Achtsamkeit. Natürlich können wir, wenn wir achtsam leben, dennoch auf unser Wissen zurückgreifen. Vielmehr bedeutet die Haltung, sich in jedem einzelnen Moment des Erlebens bewusst darüber zu sein, dass unser Wissen, unsere Erfahrungen und unsere Erwartungen im Gegensatz zu dem stehen können, was wir gerade tatsächlich erleben. Und dass sie uns dadurch unter Umständen die Möglichkeit nehmen, den Moment zu erleben, wie er gerade ist.

Jeder Moment, dem wir begegnen, ist uns in genau dieser spezifischen Form vorher noch nie begegnet. Vielleicht haben wir sehr ähnliches schon erlebt und glauben zu wissen, was daraus entstehen kann. Aber wir wissen es nicht. Wir meinen, denken, vermuten oder befürchten.

Die Schönheit und Freude, die kleine Kinder in jedem einzelnen Augenblick erleben, das ist der Geist des Anfängers. Er ermöglicht ihnen, den Moment voll und ganz zu genießen. Ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile, ohne Morgen. 

Der elterliche Anfängergeist

Während meine Kinder also noch immer ihrem fünfjährigen Anfängergeist frönten, versuchte ich denselben in meinem mittlerweile schon etwas älteren Hirn zu kultivieren. Was wäre, wenn ich die Konzepte übers Kaffeemahlen, Haare trocknen und Küche putzen einfach nicht hätte? Wenn ich voll und ganz offen für alles wäre, was gerade jetzt in diesem Augenblick passiert? Vollkommen frei von Erwartungen, Vorurteilen, Ängsten und Befürchtungen? Was wäre dann?

Dann wäre dieser Moment weder unangebracht, noch chaotisch oder gefährlich. Er wäre einfach nur da: unschuldig, pur, einzigartig. Voller Lebenslust, Entdeckergeist, Ausgelassenheit und Verbindung.

Und obwohl – oder gerade weil – mein Mann sich noch immer darüber aufregte, dass der Mist jetzt überall rumliegt weil diese kleinen Monster offensichtlich gerade nur Quatsch in der Birne haben, erwachte letztendlich auch in mir der unvoreingenommene Geist einer Anfängerin.

Und ich begann zu sehen, was wirklich war. Jetzt und Hier. Da waren zwei vor Freude quietschende, wissenshungrige, emotionsgeladene Kinder, deren größtes Glück es gerade war, die Gesetze der Physik für sich zu entdecken. Und zwar gemeinsam, in Beziehung. Sie lernten, wie sie sich unterstützen können, Aufgaben teilen, gemeinsam Ziele erreichten. Sie erkannten auch, dass alles, was sie taten immer Konsequenzen hatte, angenehme oder unangenehme – oder beides. Plötzlich sah ich das wunderschöne Glänzen in ihren Augen, hörte die überbordende Begeisterung in ihrem Lachen, bemerkte den unfassbaren Stolz über das Ausmaß ihres Tuns und die tiefe Faszination für den Duft des frisch gemahlenen Kaffees. Und vor allem die Freude am Sein in genau diesem einen Moment. 

Lessons Learned

Wenn wir es also schaffen, einen einzigen Augenblick am Tag in diesem Geist des Anfängertums zu verweilen, dann wird uns ein unfassbarer Reichtum zuteil. Dann können wir von unseren Kindern lernen. Wir werden erfahren, wie es ist, die Dinge so zu betrachten, wie sie sind, sie anzunehmen und daran zu wachsen. So, wie es unsere Kinder in jedem Moment ihres jungen Lebens tun. Und dann, genau dann entfaltet sich auch die einzigartige Schönheit jedes einzelnen Augenblicks, den wir mit unseren Kindern teilen dürfen.

5 wertvolle Eigenschaften des Anfängergeistes

  • Ein Anfängergeist schwelgt weder in der Vergangenheit noch denkt er an die Zukunft. Er verweilt stattdessen in offenem Gewahrsein im Hier und Jetzt. Denn das ist, was ist.
  • Ein Anfängergeist hat keine fixen Konzepte und Ideen darüber, wie etwas zu sein oder zu geschehen hat. Stattdessen ist er geprägt von einer offenen Neugier für alles, was ist.
  • Ein Anfängergeist will nichts verändern. Er nimmt die Dinge, Menschen und Situationen genauso an, wie sie jetzt gerade sind.
  • Ein Anfängergeist bewertet nicht, kennt keine Vorurteile oder Erwartungen. Stattdessen beobachtet er sich selbst und lässt Gedanken und Gefühle für die Situation vorüberziehen ohne an ihnen zu haften.
  • Ein Anfängergeist erlebt jeden Augenblick so als würde er ihn das allererste Mal erleben. Wie ein Kind, das zum allerersten Mal das frisch gemahlene Kaffeepulver durch die Luft wirbeln lässt. 

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