Wenn du willst, dass dein Kind kooperiert solltest du das unbedingt verstehen

Warum es ratsam sein kann, in Notlagen deine eigene Geschichte nicht deinem Kind oder einer vom Problem direkt betroffenen Person aufzubürden, habe ich neulich in einem Artikel beschrieben. In aller Kürze: Ich habe dir geraten, dir jemanden zu suchen, der außerhalb der Situation steht und zuhören kann. Ich schrieb: „Ruf deinen Empathie-Engel an.“

Als ich neulich in Wut und gewaltvolle Verhaltensmuster abzurutschen drohte, tat ich genau das. Von diesem Gespräch, und einer wertvollen Erkenntnis, berichte ich heute. Es ist die Fortsetzung unserer Artikelreihe zum Thema „Verantwortung übernehmen.“

Teil 2: Kindliche Kooperation und die elterliche Verantwortung dafür

„Hallo Tanja, hast du einen Moment Zeit?“
„Ja, hm, warte – 10 Minuten hab ich. Worum geht’s?“
„Ey, ich kann nicht mehr, ich hab so ne Wut im Bauch…“

Ich würde sagen, 90 Prozent aller meiner Anrufe bei meinem Empathie-Engel beginnen in etwa so. Und dann schütte ich mein Herz aus. Lasse den Wolf heulen. Schimpfe, weine, fluche. Tanja hört zu. Begleitet mich empathisch. Wiederholt meine Worte, damit ich sie noch einmal hören und auf mich wirken lassen kann. Denn der Wolf hat mir doch meistens etwas Wichtiges zu sagen und ich will seine Botschaft gern entschlüsseln.

„Warum kann mein Sohn nicht EINMAL tun, was ich ihm sage?“

So fing ich also an.

„Ich will ja gar keinen bedingungslosen Gehorsam, ich diskutiere auch gern mit ihm, was für ihn okay ist und welche Lösung es für uns beide gibt. Aber mal ganz im Ernst: manchmal hätte ich gern, dass er ERSTMAL tut, was ich ihm sage und DANN können wir drüber reden. Ich weiß grad echt nicht mehr weiter! Ich fühle mich SO ohnmächtig! (Dazu gibt es nächste Woche einen Themenabend.) Was kann ich tun, damit er in diesen ganz speziellen Situationen, wo es für mich echt drauf ankommt, tut, was ich will?“

„Zum Beispiel?“

„Jetzt gerade habe ich Angst um die Meerschweinchen. Ich möchte, dass er sie nicht die ganze Zeit herumschleppt und in der Küche laufen lässt. Sie auf den Arm nimmt und stundenlang streichelt und betüddelt. Es tut ihnen nicht gut. Ich will die Tiere schützen und hätte gern, dass er sie in Ruhe lässt, wenn ich sage, dass es genug ist für heute. Aber er rennt immer wieder hin. Ich kann doch nicht die ganze Zeit bei ihm oder den Tieren sein und aufpassen? Ich kann und will ihn nicht die ganze Zeit beaufsichtigen. Wenn‘s nicht anders geht, müssen die Tiere wohl weg.“

Das Kind will das Tier knuddeln, ich will das Tier schützen.

Ich war hoffnungslos. Wütend. Echt sauer. Ungeduldig.

Ich erzählte Tanja noch von anderen Situationen, in denen ich mir wünschte, mein Sohn würde „auf mich hören“ oder „tun, was ich sage“. Nicht immer geht es dabei um existentielle Sachen. Ich hätte gern, dass er mich fragt, bevor er ein Blumenbeet „umgestaltet“ (und dafür all meine Stauden aus der Erde holt, um Sonnenblumen zu säen), dass er Bescheid sagt, bevor er den Rasen umgräbt, „um eine Sonnenuhr zu bauen“. Dass er fragt, ob es okay ist, wenn er meine Gemüsesamen nimmt und in eines der bereits kultivierten Beete sät. Wenn er Wäsche waschen will (und dabei nicht nach Farben vorsortiert). Die Vorratskammer „aufräumen“ will (und dabei meine Vorstellung von praktischer Sortierung außer Acht lässt).

Ich sehe die gute Absicht hinter seinem Verhalten.

In allen Fällen konnte ich auch vor dem Telefonat mit Tanja schon die gute Absicht erkennen, die hinter dem Handeln meines Sohnes steht. Aber… genau, ABER. Meine Bedürfnisse nach Leichtigkeit, Effizienz, Entspannung… hach. Die ganze zusätzliche Arbeit, die da entsteht.

Tanja sah all das, hörte geduldig zu. Hörte, wie ich über kindliche Kooperation dachte („ich weiß ja, er will nur helfen und mir was Gutes tun, ABER…“). Tanja kennt meine Herzenshaltung. Sie weiß, dass ich möchte, dass meine Kinder die Dinge, die sie tun, nur dann tun, wenn sie es wirklich wollen. Dass ich nicht will, dass meine Kinder blind gehorchen. Dass sie nur tun, was ich will, weil sie brav und gehorsam sind. Gehorsam ist für mich ein Handeln aus Angst vor den (negativen) Folgen oder aus Lust auf Belohnung und Anerkennung.

Was ich gern hätte ist: ein Handeln aus Verständnis und Einsicht. Mit etwas Aufhören ist auch eine Handlung.

Ich redete und sprach über meine Gedanken – und drehte mich noch irgendwie im Kreis. Ich hatte den Kern noch nicht gefasst, irgendwas störte mich noch in meiner ganzen Reflexion. Ich glaube, ich wollte eine Lösung (die ich von meinem Empathie-Engel ja nie bekomme, weil es nicht ihr Job ist). Ich wollte immer noch, dass mein Sohn einfach tut, was ich sage. Basta.

Aus irgendeinem Grund (ich weiß nicht mehr, was es war, ich glaube, die Handyverbindung war schlecht) brach das Gespräch ab. Tanja schickte mir kurz darauf eine Sprachnachricht – und die traf mich mitten ins Herz.

„Wenn Du möchtest, dass dein Kind aus freien Stücken kooperiert, dann gib ihm die Gelegenheit dazu“.

Krawumm. Ich hatte eine mega-wichtige Erkenntnis und konnte sie doch nur spüren, fühlen, hineintauchen, und nicht in Worte fassen! Wie kann ich erklären, was da in mir vorging, was ich im Begriff war, zu verstehen? Ich war vollkommen erschüttert.

Hörte ich einen Vorwurf? Nein. Tanja ist in einer wertschätzenden Grundhaltung unterwegs, wie ich, sie würde keinen Vorwurf äußern. Sie bewertet und verurteilt nicht. Deshalb hatte ich auch keine Schuldgefühle. Was ich hörte, war eher eine Einladung. Eine Einladung zu schauen, ob mein Kind überhaupt die Möglichkeit hatte, FREIWILLIG zu kooperieren.

Was Tanja mit diesem Satz erreichte, würde ich heute so formulieren:
Sie brachte mich (endlich, endlich!) wieder in Kontakt mit mir selbst. Sie erinnerte mich an meine Haltung und half mir mit ihrem Hinweis, den Wiedereinstieg zu schaffen. Ich hatte eine Lösung gesucht für mein Problem und hatte dabei im Sinn, dass MEIN Sohn etwas tun müsse, damit ich das Problem nicht mehr habe.

Ein Empathie-Engel ist präsent und hört zu. Nicht mehr und nicht weniger.

Hallo? Eigenverantwortung? Was kann ICH tun, um zur Lösung beizutragen? Nun. Mein Beitrag zur Lösung könnte sein, Freiwilligkeit überhaupt zu ermöglichen!

Denn mal ehrlich: wenn ich zu meinem Sohn sage „Lass die Meerschweinchen in Ruhe“ oder „Frag mich, bevor Du was im Haushalt tust“, dann sind das Forderungen (=Bitten, die kein „Nein“ zulassen). Und die seine Bedürfnisse außer Acht lässt.

Es braucht eine andere Handlungsbitte. „Hör auf!“ oder „Komm her!“, „Lass das!“ und „Ich will, dass Du…“ vernichten die Möglichkeit einer freiwilligen Kooperation. Selbst wenn das Kind durchaus dazu bereit gewesen wäre – mit diesen Formulierungen trage ich maßgeblich dazu bei, dass Bedürfnisse wie Selbstbestimmung und Integrität bei meinem Kind in Mangel geraten. Damit erzeuge ich Widerstand.

Warum „kooperiert“ mein Sohn nicht? Warum tut er nicht, was ich sage? Ich glaube, um eben diese Bedürfnisse zu schützen. Es braucht Bitten, die seine Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, Wirksamkeit und Integrität wahren.

„Bitte frag mich, bevor du mich überraschen willst“ – wie absurd!

Hinzu kommt, dass ich festgestellt habe, dass es meinem Sohn in den allermeisten Fällen darum geht, mir eine Freude zu machen. Er möchte dazu beitragen, dass mein Leben schöner wird und mich damit überraschen. Wenn ich ihm nun haarklein sage, wie genau ich mir das vorstelle, dann wird daraus schnell eine Anleitung, eine Anweisung. Eine Aufforderung, nach meinen Vorstellungen zu handeln. Ich frage mich: wie kann er da noch Freude empfinden? Kein Wunder, dass er sich oft abwendet und keine Lust mehr hat.

Mir fällt es nach wie vor schwer, in Worte zu fassen und zu erklären, wo dieser feine subtile Zusammenhang liegt, den ich in meinem Herzen spüre und verstehe. Aber Tanjas Satz, „Wenn du willst, dass dein Kind freiwillig kooperiert, dann gib ihm die Gelegenheit dazu“, der sitzt. Er ist sehr präsent, im Alltag, wie auch in Notlagen.

Im Alltag führt er dazu, dass ich, wenn ich eine Forderung an mein Kind stelle, ich mich schnell frage: hat mein Kind die Möglichkeit, aus freien Stücken zu kooperieren? Was kann ich tun, um diese Freiwilligkeit aufrecht zu erhalten? Und wenn mein Kind für eine Handlung kritisieren möchte, frage ich mich: was hätte ich mir stattdessen gewünscht, und wäre dann noch Freiwilligkeit möglich gewesen?

Es geht um die Haltung. Die Haltung entscheidet über das, was ich sage und tue.

Für alle, die nun wissen wollen, wie ich diese Erkenntnis konkret umsetzen kann, hier mein Meerschweinchenbeispiel in der Praxis. Mein Sohn betüddelt das Meerschweinchen in einem Ausmaß, das ich für schädlich halte?
Ich sage ihm nach wie vor, dass ich das nicht möchte. Er hört zunächst einmal trotzdem nicht damit auf. Ich fühle mich immer noch hilflos und ohnmächtig und mache mir Sorgen um die Gesundheit der Tiere. Wünsche mir nach wie vor Leichtigkeit und Harmonie.

Aber ich frage mich nicht mehr, warum mein Sohn nicht tut, was ich ihm sage. Ich habe verstanden, warum er weitermacht.

Und dieses Verständnis für ihn macht, dass ich nicht mehr wütend werde. Und weil ich nicht wütend werde, bleibe ich mit mir selbst verbunden und kann ich ihm aus dieser guten Verbindung zu mir selbst heraus anders begegnen: wertschätzend, interessiert, auf seine Bedürfnisse achtend.

Ich kann ihm von meiner Sorge um das Wohlbefinden der Tiere erzählen, und gleichzeitig sehen, dass alles, was er da mit ihnen tut, eigentlich auch nichts anderes ist als sein kindlicher Versuch, den Tieren etwas Gutes zu tun. Er will mit ihnen SPIELEN, weil spielen doch Spaß macht! Er streichelt sie, weil Tiere doch gern gestreichelt werden, oder? Er füttert sie dreimal so oft wie nötig, weil sie auf jeden Fall genug zu Fressen haben sollen. Und er reinigt den Käfig mehrmals täglich, weil „Häufchen im Bett doch wirklich eklig ist, oder, Mama?“

All das wertschätzend und anerkennend, kann ich ihn einladen, mit mir gemeinsam zu überlegen, was den Tieren wohl gut tut und was für sie zu viel des Guten ist. Was er stattdessen Gutes für sie tun kann. Und an welcher Stelle er sonst noch gute Taten vollbringen und sein Bedürfnis, beizutragen, befriedigen kann. Hat er die Wahl zwischen mehreren Optionen, kann er sich für eine entscheiden, wenn er will. Ohne zu müssen. Alles auf freiwilliger Basis.

In manchen Momenten geht es eben doch um Leben und Tod.

Gut und schön, höre ich mich selbst und andere Eltern sagen. Aber manchmal MUSS ein Kind einfach gehorchen. Manchmal sind die Folgen derart schlimm, dass ich mich darauf verlassen können MUSS, dass mein Kind tut, was ich ihm sage und sich nicht über Regeln hinweg setzt. – Ja. Sehe ich genauso. Und trotzdem gibt es da einen ganz bestimmten Moment, in dem ich etwas ANDERS machen kann, als ich es bisher gemacht habe, als ich es gewohnt bin.

Wie das aussehen kann – in einer potentiell lebensbedrohlichen Situation – das schreibe ich in meinem nächsten Text. Denn bei uns ist wirklich mal was echt Kritisches passiert. Und es ist mir gelungen, das viel eleganter zu lösen als jemals zuvor.

Fotos: Congerdesign/Pixabay, Alicia Rädler/Picabay, Gudrun Ferner

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