Wie meine Mama zur GFK-Mama wurde und wie ich gelernt habe, damit umzugehen

Heute kommen wir hier dem Wunsch einer sehr begabten Nachwuchs-Autorin nach und überlassen ihr die Kolumne. Der Blick einer (zu diesem Zeitpunkt) Neunjährigen auf die Gewaltfreie Kommunikation.

Früher war alles ganz anders. Wenn mein Bruder etwas angestellt hatte, musste er vor die Tür. Es herrschten strenge Regeln, Strafen und Belohnungen waren an der Tagesordnung. Dann hat Mama diesen Zettel gesehen. Ich konnte damals noch nicht gut lesen, aber die Überschrift konnte ich entziffern. Sie lautete: GFK IM ALLTAG.

Ich ahnte nicht, dass die GFK mein Leben und das meiner Familie einmal so verändern würde.

Ich wusste nicht, was GFK war, also ging ich ins Bett und vergaß es. „Es ist sicher nicht so wichtig“, dachte ich. Ich ahnte nicht, dass die GFK mein Leben und das meiner Familie einmal so verändern würde. Und ich ahnte nicht, dass Mama gerade ihren Koffer packte. Bis sie am nächsten Tag plötzlich – es kam wie aus heiterem Himmel – meinte, „Ich muss für zwei Tage weg. Papa wird auf euch aufpassen.“ Nach vielen vergossenen Tränen stieg sie ins Auto und fuhr weg.

Plötzlich redete sie viel von Bedürfnissen

Als sie nach zwei Tagen wiederkam, schien alles ganz normal. Als mein Bruder mich heimlich schlug und ich ihn verpetzte, laberte Mama irgendwas von Gefühlen und fragte mich, welche Bedürfnisse ich gerade hatte. Ich hatte keine Ahnung, was Bedürfnisse waren, aber Mama erklärte: „Bedürfnisse sagen, was du gerade brauchst. Wenn du also das Bedürfnis nach Frieden hast, brauchst du Frieden. Aber Bedürfnisse sind keine Wünsche. Etwas Gewünschtes ist, meistens im Gegensatz zu einem Bedürfnis, nichts Lebensnotwendiges.“ Als ich meinte, mein Bruder müsse vor die Tür, sagte sie, die GFK kenne keine Strafen und Belohnungen. „Also dieser Zettel war es, der Mama so verändert hat“, dachte ich mir.

Was GFK war, wusste ich immer noch nicht. Also dachte ich mir lustige Bedeutungen wie zum Beispiel „GurkenFurzKissen“ aus.

Aber nur bis zu dem Abend, an dem ich an der Tür lauschte. An der Tür zum Elternschlafzimmer. Ich dachte, Mama würde vielleicht Süßigkeitenverstecke erwähnen. Aber nein, stattdessen erklärte sie Papa, was GFK bedeutete. Ich lauschte bis spät in die Nacht. Die Erzählung war so lang, dass ich hier nur den Begriff erkläre: GFK bedeutet GewaltFreie Kommunikation.

Hier ein Tipp für Kinder mit Eltern wie meinen:
Selbst wenn du nichts verstehst, tu immer so, als würdest du alles verstehen.
Der Grund dafür:
Meistens machen die Frauen GFK. Wenn du deine Mutter also fragst, was GFK ist, labert sie dir wahrscheinlich die Ohren voll.
Wenn du das nicht möchtest, kannst du folgendes tun:
An der Tür lauschen, so wie ich.
Achtung:
Lass dich bloß nicht erwischen!

Keine Strafen heißt leider auch keine Belohnungen

Eigentlich mag ich die GFK, sie sieht ja keine Strafen vor. Aber leider für alle. Manchmal finde ich es unfair, dass sie keine Strafen für meinen Bruder bereithält. Aber für mich hat sie ja auch keine, also ist es in Ordnung. Belohnungen fand ich schon immer besser als Strafen. Was ja eigentlich wieder eine Bewertung ist, aber es sollte immer eine gewisse Gleichberechtigung zwischen Belohnungen und Strafen herrschen. Also kann ich auch diese Kritik verwerfen.

Kurz: Ich mag die GFK!

Seit Mama die GFK kennengelernt hat, wendet sie sie die ganze Zeit an (zu Hause, auf dem Spielplatz und in Konflikten mit Papa oder anderen Menschen). GFK ist eine viel effektivere Möglichkeit, einen Streit zu lösen. Jedenfalls in unserer Familie. Ich glaube, das ist in allen oder zumindest in vielen Familien so.

Anfangs fanden wir Mamas GFK komisch. Obwohl ich die ganze Zeit wusste, was GFK war, finde ich es bis heute peinlich, sie anzuwenden. Nur manchmal, vor fremden Menschen oder in der Schule, übe ich. Heimlich versteht sich. In der Schule haben wir übrigens auch einen winzigen Teil der GFK unter dem Namen „Giraffensprache“ (anderes Wort für GFK) kennengelernt.

An alle Eltern, die glauben, ihre Kinder würden GFK hassen:
Vielleicht üben eure Kinder heimlich.
An alle Eltern, die meinen , sie wüssten alles , was ihre Kinder so treiben:
Nein. Keiner weiß sowas.
Noch nicht überzeugt?
Google mal „Mama ist ein Smombie“.

Immer dieses „eigentlich“! Immer dieses „aber“! „Eigentlich“ und „aber“ sind Brüder. (seufz).

Eure Lumi

Anmerkung der Redaktion: Zu dem Zeitpunkt, als Mama so komisch wurde, war Lumi fünf Jahre alt und ihr Bruder drei Jahre. Inzwischen sind die beiden neun und sieben Jahre alt und haben eine fünfjährige Schwester.

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