Wenn Veränderung zur Routine wird

Corona hat eine weitere Wortschöpfung hervorgebracht: „die neue Normalität“. Ich schätze, da sind wir nun angekommen. Unser Leben zehn Wochen nach dem Lockdown.

Während ich diese Zeilen hier tippe, sitze ich am Meer. Also fast. Genau genommen habe ich meinen „Schreibtisch“ ins Ferienhäuschen meiner Schwiegereltern verlegt. Etwa 500 Meter Luftlinie sind es bis zur niederländischen Nordsee. Die Bäume wiegen sich im Wind, es ist stürmisch draußen. Ich liebe das. Denn genauso ist mein Leben. Stürmisch, immer in Bewegung, immer wieder geht es in eine neue Richtung, gibt es Veränderungen. Umso mehr, seit wir Woche für Woche immer wieder einen Umgang mit den wechselnden Corona-Regeln suchen. Abläufe und Strukturen im Familien- und Berufsleben anpassen. Der Sturm Corona schüttelt uns alle durch. Manchmal macht er eine kurze Pause, säuselt nur wie ein sanftes Lüftchen um uns herum, um dann kurz später wieder aufzuheulen und alles umzuwerfen. Über diese Veränderungen – und unseren Umgang damit – will ich heute schreiben.

Mal den Kopf freipusten – Meer geht immer

Nächste Woche wird das Haus leer sein

Es ist, wenn man so will, eine erste „Corona-Bilanz“. Denn gerade in dieser Woche spüre ich deutlicher denn je: Es zieht uns alle mehr oder weniger wieder in die „neue Normalität“, wie es neudeutsch heißt. Montag rief die Kindergartenleiterin an und überraschte mich mit der Frage, wann wir die Zwillinge ab Donnerstag täglich bringen und wann wir sie abholen. Wie, jeden Tag Kindergarten? Und so viele Stunden, wie wir wollen? Damit hatte ich schlichtweg nicht gerechnet. Ich dachte, wenn es hochkommt, dann vielleicht zwei, drei Mal pro Woche für ein paar Stunden. Aber wieder Vollzeit-Kita-Kinder? So eine krasse Umstellung nach so vielen Wochen, in denen wir alle jeden Tag mehr oder weniger von morgens bis abends aufeinanderhingen.

Die Reaktionen der beiden Kinder hätten nicht unterschiedlicher sein können. Während unser Sohn wild hüpfend und singend den baldigen Kindergartenbeginn feierte, kam von unserer Tochter ein mürrisches: „Na und?“ Im späteren Gespräch murmelte sie dann irgendwann fast traurig: „Ich fand es schön, immer zu Hause zu sein.“ Klar ist eins: Wieder ändert sich die gesamte Familienstruktur, ruckeln wir Arbeits- und Familienzeiten wieder neu zurecht. Das bedeutet Freiheiten wie vormittags ungestört und unterbrechungsfrei arbeiten zu können. Gleichzeitig nimmt es uns Flexibilität: In den vergangenen Wochen hat jeder mehr oder weniger nach seinem Biorhythmus geschlafen, morgens in seinem eigenen Tempo gemacht und viel, viel Zeit für kreatives, freies Spiel gehabt. Wir sind stärker zusammengewachsen und konnten den Kindern für uns wichtige Werte wie Rücksichtnahme, Empathie und Fairness vermitteln. Nun wird unser Einflussbereich wieder kleiner. Und der Stresslevel wieder größer.

Zwei Termine am Tag bedeuten Stress

Unsere Große war bereits zweimal wieder in der Schule. Zitternd vor Aufregung hat sie sich morgens mit Maske auf den Weg gemacht. Sie hasst Veränderungen. Sie mag es lieber, wenn Dinge in den gewohnten Bahnen laufen. Die Abläufe klar und lange eingeübt sind, alles erwartungskonform läuft. Die Klasse ist aufgeteilt worden, sie ist in einem anderen Klassenraum als gewohnt. Immerhin mit einigen Kindern zusammen, die sie mag. Doch das Schlimmste ist das Aufstehen, morgens um 7 Uhr, wo sie doch in der letzten Zeit immer eher bis 10 Uhr geschlafen hat. Nachmittags geht es dann noch zum Gitarrenunterricht, wieder mit Mundschutz. Sie ist nach diesem Tagesprogramm völlig ausgelaugt.

Und auch ich merke: Es setzt mich total unter Stress, wenn wir mehr als einen „Termin“ am Tag haben. Worüber ich mich in Vor-Coronazeiten kaputtgelacht hätte. Denn Schule ist ja normalerweise nicht einmal ein Termin, sondern „Business as usual“. Und so wird eine Frage in mir immer lauter: Wie können wir es schaffen, diese Entschleunigung, die ja auch ein Teil von Corona war, dauerhaft in unser Leben zu integrieren? Wie können wir es schaffen, die positiven Aspekte dieser Zeit auch weiterhin zu pflegen?

Während des Lockdowns habe ich Frieden mit mir selbst geschlossen

Klaro, der Lockdown und die damit verbundenen Veränderungen hatten viele herausfordernde Aspekte. Doch ich habe bei mir auch Folgendes beobachtet: Oft war ich deutlich entspannter, weil ich die Kinder nicht ständig antreiben musste. Kein: „Zieht euch schnell an. Frühstückt bitte, wir wollen los! Sind die Hausaufgaben fertig? Wir wollen gleich zur Musikschule! Bitte beeil dich, wir kommen sonst zu spät zum Tanzunterricht!“ Das war schön. Das war Selbstbestimmung. Für Groß und Klein.
Noch intensiver habe ich diesen Frieden mit mir selbst erlebt, den ich irgendwann nach den ersten Tagen im Corona-Chaos geschlossen habe. Ich habe ziemlich schnell gemerkt (und vor allem akzeptiert), dass ich NICHT alles wie gewohnt schaffen werde, wenn plötzlich alle zu Hause sind. Wenn Kinderbetreuung, Haushalt und Arbeiten parallel laufen. Wenn Konflikte zwischen den Kindern begleitet werden wollen. Also habe ich bewusst für mich entschieden, dass ich dem Perfektionismus Lebwohl sage. Mehr auf meine Bedürfnisse schaue und auch mal „Fünfe gerade sein“ lasse, wie es so schön heißt.

Letzteres glaube ich, können wir ganz gut in die „neue Normalität“ integrieren. Indem wir uns immer wieder bewusst überlegen: Brauche ich das hier (den Termin, die neuen Schuhe, das geputzte Haus…) jetzt gerade wirklich? Warum tue ich das? Also welches Bedürfnis erfülle ich mir damit, welches bleibt unerfüllt? So kann ich priorisieren und schauen, welcher Bedürfnistank leerer ist, welcher es so gesehen nötiger hat, gefüllt zu werden. Vielleicht erkenne ich bei solch‘ einer Betrachtung auch, dass ich mit einer entspannten Tasse Kaffee auf der Terrasse oft sogar mehrere Bedürfnisse gleichzeitig nähren kann. Während das hektische Putzen der Küche zwar das Bedürfnis nach Ordnung bedient, gleichzeitig jedoch wieder andere Bedürfnisse noch weiter in den Mangel bringt (Ruhe, Erholung, Entspannung, Spaß).

Planungshilfe und kreative Auszeit zugleich – mein Bullet Journal

Das Bullet Journal hilft, den inneren Kompass zu schulen

Wir können es uns zur Gewohnheit machen, innezuhalten und auf unsere Bedürfnisse zu lauschen. Oder im Nachhinein zu reflektieren, was wichtig ist, was uns unseren Zielen und Werten näherbringt, was uns Freude bringt und unser Leben bereichert. Ich nutze dafür seit einigen Monaten mein Bullet Journal, in dem ich zum Beispiel Termine und Aufgaben organisiere. Jeden Abend schreibe ich auf, was für den nächsten Tag ansteht und schiebe unerfüllte Aufgaben vom Vortag weiter. Manchmal entscheide ich mich jedoch auch dazu, diese zu streichen. Weil ich sie schon seit Tagen nicht erledigt habe und sie eigentlich auch gar nicht so wichtig sind. Oder weil gerade einfach kein Raum dafür ist. Ich verfolge dort auch meine Gewohnheiten nach und notiere kleine Erlebnisse, die mir Kraft gegeben haben. So schule ich immer stärker meinen inneren Kompass in Situationen, in denen wieder alles zu viel, zu stressig, zu angestrengt, zu schwer wird.

Nicht zuletzt habe ich dank Corona auch dem kleinen „Ja-Aber“ den Kampf angesagt. Ich wette, du kennst es auch. Es schleicht sich immer dann in dein Leben ein, wenn du etwas Neues wagen willst, wenn du eine spaßige Sache vorhast, wenn sich Lust- und Pflichtgefühl streiten. Wenn es darum geht, die Komfortzone zu verlassen, mal spontan zu sein oder einfach den Moment zu leben. Einfach mal machen. Ja aber… Einfach nach Holland fahren, ein Wiedersehen mit dem Meer feiern, den Sand unter den Füßen spüren, sich den Kopf freipusten lassen. Wäre schon schön. Aber wer macht dann die Wäsche? Was passiert mit den Bergen auf meinem Schreibtisch? Und sollten wir nicht eigentlich…

Manches erledigt sich einfach von selbst

Wie ich eingangs schrieb, hat das kleine „Ja-Aber“ keine Chance gehabt. Wir sind in Holland (sogar schon das zweite Wochenende in Folge). Wir haben den Moment genutzt. Gut so, denke ich mir jetzt. Denn nächste Woche wird wieder ein Stück mehr „neue Normalität“ sein. Und ein Stück weniger Spontanität und Flexibilität. Wie unglaublich kostbar sind da solche Momente? Und ganz ehrlich, was soll schon groß passieren, wenn etwas mal nicht zu 100 Prozent läuft? Dinge liegen bleiben. Meine Erfahrung zeigt mir: Oft erledigen sich diese von selbst, werden unwichtig. Oder jemand anderes kümmert sich darum, dass sie doch noch erledigt werden. Wie die Terminvereinbarung beim Kieferorthopäden, die ich schon eine Woche als Notiz von Tag zu Tag durch mein Bullet Journal schob. Irgendwann rief die Praxis selbst an und das Thema war erledigt. Ganz selten geht es bei unseren Aufgaben um Leben und Tod. Und wenn doch, dann vertraue ich darauf, dass ich diese wichtigen Dinge auch nicht vergessen werde. Oder es irgendeine Form von höherer Macht ist, die wollte, dass es ganz genauso kommt. Lebt sich leichter so. Ungelogen.

Und wie war es bei dir? Gab es Dinge, die dir in den Wochen des Lockdowns gutgetan, gut gefallen haben? Was davon würdest du gerne mit in den neuen Alltag nehmen? Auf unserer Facebook-Seite haben wir damit begonnen, solche Dinge zu sammeln. Wir würden uns freuen, wenn du Lust hast noch ein bisschen mit zu sammeln. Schreibe gerne auch deine Meinung unten in den Kommentaren.

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