Muttertag: Über den Mythos Mutter, Muttitasking und Mental Load

Gut 550 Millionen Euro gaben die Deutschen 2019 an Muttertags-Geschenken aus. Wow. Mein Verhältnis zu diesem Tag ist äußerst zwiegespalten. Warum eigentlich? Ein Erklärungsversuch.

Mein Mann steht in der Küche, das Handy in der Hand. Er wischt und tippt auf dem Display herum. Hinter ihm stapelt sich das dreckige Geschirr, unter ihm knirschen die Krümel vom Frühstück, auf dem Tisch stehen noch Reste vom Mittagessen. Er lehnt an der Arbeitsplatte und ist ganz versunken in sein Online-Spiel. „Maaaaannnn“, brüllt er jetzt, „diese doofen Zombies! Die stehen einfach immer wieder auf.“ Wie Mütter, denke ich bissig. Die stehen auch immer wieder auf. Jeden Morgen, wenn der Wecker klingelt. Jede Nacht, wenn eines der Kinder weint oder der Hund vor die Tür will. Jedes Mal, wenn eine kleinere oder größere Katastrophe sie zu Boden geworfen hat. Und ja, auch in #wirbleibenzuhause-Woche Nummer acht. Tja. Warum eigentlich?

Haben Mamas wirklich Superkräfte?

Na weil wir Mütter übermenschliche Wesen sind! Was sonst? Und einmal im Jahr fällt das dem ein oder anderen auf. Dann gibt es Blumen, Pralinen, Schmuck oder Parfüm. Gerne auch Selbstgebasteltes und triefende Gedichte über diese Superheldin namens Mama, ohne die unsere lieben Kleinen einfach nichts auf die Reihe bekommen würden. Okay, nicht nur die. Aufgeschmissen wäre auch der „Papa“, vormals ein erwachsener und weitestgehend selbstständiger Mann, der diese nun landläufig als „Maaaaaammaaaaa“ bekannte, vormals erwachsene Frau, hoffentlich ursprünglich aus anderen Gründen geheiratet hat. Und nicht, weil sie so prima schmutzige Socken einsammelt, Krümel aufsaugt, Popos abputzt und Haare bürstet. Lächelnd und bestens frisiert natürlich.

Nicht nur zum Kinderkriegen, auch zum Großziehen gehören zwei

Stopp!!! An dieser Stelle wird es höchste Zeit zu sagen, dass so NICHT unser Familienalltag aussieht. Na gut, mal abgesehen von Zombie-Jagden im Online-Spiel. Das macht mein Mann wirklich. Und ja, Familie Hempel würde vor Neid erblassen, wenn sie unsere Küche sieht. Wir können Wollmäuse nämlich nicht nur unterm Sofa. ABER: Zum Glück haben wir es (inzwischen) gut geschafft, dem „Mythos Mutter“ unsere eigene Version des Zusammenlebens mit Kindern entgegenzusetzen. Eine, in der meinem Mann und mir gleichermaßen bewusst ist, dass es kein Mama-Gen gibt, was uns Frauen so viel belastbarer macht. Und, dass nicht nur zum Kinderkriegen sondern auch zum Kindergroßziehen (mindestens) zwei gehören.

Liebe und Leistung gehören nicht zusammen

Ich möchte allerdings auch nicht verschweigen, dass es bis dahin ein langer und ziemlich harter Weg war. Und manchmal noch ist. Denn es sitzen immer noch Engelchen und Teufelchen auf meiner Schulter. Das Engelchen erinnert mich daran, dass ich gut genug bin, dass ich keine perfekte Mutter sein muss. Ganz im Gegenteil, es ist noch nichtmals erstrebenswert. Denn wie will ich meinen Kindern denn vermitteln, dass Liebe unabhängig von Leistung ist, dass sie nicht dazu da sind, Erwartungen anderer zu erfüllen? Schon gar nicht die ihrer Eltern!

Der Teufel rät zu Perfektionismus

Das Teufelchen hat stets scheinbar (!) gute Argumente, um mich dann doch wieder zum Perfektionismus anzutreiben: „Schau Dir das an, andere Mütter schaffen das doch auch – und noch viel mehr! Hast Du von denen je gehört, dass sie müde und erschöpft sind? Die wuppen alles problemlos. Und überhaupt, schämst Du Dich denn nicht? Du hast Dich doch schließlich bewusst für Kinder entschieden! Wenn Du jetzt sagst, Du bist überlastet, dann heißt das ja gleichzeitig, Deine Kinder sind eine Last für Dich! Du schlechte, egoistische Mutter.“

Ich möchte vor allem als Individuum gesehen werden

Meinem Teufel kann ich in etwa 80 Prozent der Fälle freundlich entgegnen: „Vielen Dank für Deine Meinung. Ich habe Dich gehört. Du darfst jetzt wieder in der Lava spielen gehen.“ Die anderen 20 Prozent sind es, die mich mit mir und meiner Mutterrolle hadern lassen. Und zum Teil sind sie wohl auch der Grund, warum ich schon Bauchschmerzen bekomme, wenn ich nur an den Muttertag denke. Das ist mir zu eng, verursacht mir Druck. Ich bin doch mehr als „nur“ eine Mutter. Ich bin doch immer noch eine Frau mit eigenen Bedürfnissen und Charaktereigenschaften. Als die will ich gesehen und wahrgenommen werden.

An dieser Stelle lasse ich Susanne Mierau zu Wort kommen, Diplom-Pädagogin, Buchautorin und Mutter von drei Kindern:

„Anstatt zu rebellieren, haben wir die Erschöpfung und Müdigkeit aber vielfach in unser Mutterbild übernommen: Wir denken, dass das alles eben natürlicherweise dazu gehört, zum Elternsein und ganz besonders zum Mutterbild. Und gerade jetzt, vor dem Muttertag, wird es wieder ganz besonders betont: Was Mütter alles schaffen! Was Mütter alles können! Muttitasking! Müde, aber glücklich! Und überhaupt ist WOW doch eine Spiegelung von MOM, weil wir alles so grandios können.“

Susanne Mierau, Geborgen wachsen

Sie hat ein ganzes Buch zum Mythos Mutter veröffentlicht (Mutter. Sein. – Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Weges). Darin schreibt sie über ein überholtes Mutterbild, die zum Teil falsch verstandenen Anforderungen der bedürfnisorientierten Erziehung, den Druck unter Eltern und die gesellschaftlichen Erwartungen an die moderne Frau – die working Mum.

„Wir kultivieren ihn (den Stress) ein wenig mit unseren Ansprüchen, mit unseren Aussagen und der Erwartung an uns selbst.“

Susanne Mierau, Geborgen wachsen

Blumen sind schön – echte Wertschätzung schöner

Da sind sie wieder, die Erwartungen. Meiner Meinung nach trägt der Muttertag einen großen Teil dazu bei, dass unsere Gesellschaft in einem längst überholten Rollenbild stecken bleibt. Übrigens einem, das sich durch Corona noch einmal weiter manifestiert hat: Größtenteils sind es zurzeit die (in Teilzeit arbeitenden) Mütter, die in der Kinderbetreuung einspringen, weil die externen Angebote wegfallen. Für einen nicht unerheblichen Teil der Kinder sogar noch bis September. Ich möchte nicht wissen, wie viele Frauen da zurück an Heim und Herd kehren und ihren Beruf, der ihnen vielleicht ja sogar Freude, Anerkennung und Wertschätzung bringt, dahinter zurückstellen. In einem Tweet formulierte es eine Mutter so: Es wäre schön, wenn es dieses Jahr statt Blumen zum Muttertag mehr Unterstützung für Familien gäbe.

Das Thema Erwartung hat für mich jedoch noch eine ganz andere Seite der Medaille. Die der erzwungenen Dankbarkeit. Dazu zunächst Marshall B. Rosenberg:

„Tue nichts aus Angst, Schuld, Scham, Pflicht oder um mehr geliebt zu werden und erwarte auch nicht von anderen, dass sie etwas aus Angst, Schuld, Scham oder Pflicht für dich tun. Unser Leben ist viel zu kurz und zu wertvoll, für den Preis, den ihr dafür bezahlen werdet. Tue alles nur mit der Freude eines kleinen Kindes, das eine hungrige Ente füttert.“

Marshall B. Rosenberg

Das macht „man“ eben so – warum eigentlich?

Ich stelle die – vermutlich nicht allzu kühne – These auf: Ein riesiger Anteil von (erwachsenen) Kindern wird heute nicht aus Freude und Liebe die eigenen Eltern besuchen, sondern weil es uns die Kultur so vorschreibt. Weil „man das eben so macht“. Da schwingen Scham und Schuld ebenso mit wie Pflichtgefühl. Soziale Medien und Werbung sind seit Wochen voll von zelebrierten Dankbarkeits-Hymnen auf „die wichtigste Frau in unserem Leben, der wir so viel verdanken“. Ich möchte das auch gar nicht komplett negieren.

Fürsorgliches Verhalten wird bei Müttern vorausgesetzt

Mit Sicherheit gibt es da draußen viele Mütter, die ihren Job bestmöglich und voller Leidenschaft und Liebe ausfüllen. Die ihren Kindern wertvolle Dinge mit auf den Weg geben. Allerdings gibt es eben auch Mütter, die selbst in ihrer Kindheit kein fürsorgliches Verhalten erfahren haben und die es daher kaum bis gar nicht schaffen, ihrem Kind dieses entgegen zu bringen. Die Zahl der gemeldeten Kindeswohlgefährdungen hat sich seit 2012 laut Mierau verdoppelt. Und bei Weitem sind nicht nur die Väter unter den Tätern. Auch hier können wir zurzeit nur erahnen, wie dramatisch die Einschränkungen durch Corona die Lage verschärft haben.

Noch eine Randnotiz von der Historikerin in mir: Der Muttertag war ein Teil der Nazi-Ideologie und wurde ab 1933 zu Propagandazwecken genutzt. Drei Millionen Frauen erhielten am Muttertag 1939 das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ – eine Medaille für besondere Gebärleistungen. Ab dem vierten Kind gab es die Auszeichnung in Bronze, ab dem sechsten in Silber und bei acht oder mehr in Gold. Ich neige gewiss nicht zur Ostalgie, doch in Sachen Muttertag kann ich die DDR nur fortschrittlich nennen. Dort galt der Gedenktag als „reaktionär“ und wurde nicht gefeiert.

Der Muttertag kann Nähe und Verbindung bringen

Ich möchte zum Abschluss noch einmal auf das Zitat von Marshall Rosenberg zurückkommen. Denn mir ist schon bewusst, dass meine Worte nicht jeder von euch gefallen werden. Wenn ihr mit einer echten Freude, so wie kleine Kinder Enten füttern, heute eure Mutter besucht oder ihr Blumen schickt, dann ist das wunderschön und wertvoll.  Wenn ihr mit euren Kindern den Muttertag zelebriert, es euch Nähe und Verbindung bringt oder andere Bedürfnisse erfüllt, dann wünsche ich euch einfach eine ganz tolle Zeit! Und wenn meine Kinder mich heute mit Gebasteltem und einem selbstgebackenen Kuchen überraschen wollen, dann freue ich mich. Solange es aus tiefstem Herzen kommt und sie nicht aus Schuld, Scham oder Pflichterfüllung handeln.

Und jetzt ihr:

Schreibt gerne in die Kommentare, wie es euch mit dem Text ergangen ist. Muttertag – wie fühlt sich das für euch an?

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