Einatmen – Ausatmen

So steht es auf der Postkarte, die ich heute von einer Freundin geschickt bekommen habe. Darauf ist das Meer zu sehen. Ich habe sie mir direkt über meiner kleinen Schreibtischecke an die Wand gepinnt. Damit ich mich immer wieder dran erinnere. Das ist momentan bitter nötig.

Wir haben Woche sechs seit dem Lockdown hinter uns gelassen. Und ich merke, dass mir die Puste ausgeht. Ich habe weder Lust noch Kraft mich mit meiner Selbstoptimierung zu beschäftigen, mir immer neue Theorien zur Verbreitung oder Nichtverbreitung von Corona anzuhören, unsere Kinder zum gefühlt hundertsten Mal darauf hinzuweisen, dass weder unsere Couch ein Trampolin ist noch das Bett der ideale Ort zum Rumhüpfen – geschweige denn, während ich versuche, einen Text zu schreiben oder einem Onlineseminar oder Telefonat zu folgen. Ich habe es auch satt, in den sozialen Netzwerken mitzuerleben, wie sich Menschen gegenseitig zerfleischen und beschuldigen. Und leider kann ich auch immer weniger mit dem Rat anfangen, wir sollen die Zeit doch einfach genießen. Würde ich gerne. Wirklich. Nur wäre es dafür hilfreich zu wissen, wie lange die Zeit denn wohl noch andauert. Und ob es tatsächlich eine Zeit NACH der Zeit gibt. Oder ob das jetzt unser neues Leben ist. Was für eine gruselige Vorstellung.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ich merke also, dass mir die Puste ausgeht. Das Gefühl kenne ich zwar von meinen Laufrunden, doch da gibt es einen gravierenden Unterschied: Ich kenne die Strecke ziemlich genau und quäle mich daher auch den letzten Berg rauf, ziehe sogar die Geschwindigkeit noch an. Denn ich weiß: Danach kann ich locker bis zum Ziel auslaufen, meine Arme und Beine ausschütteln und mich entspannen. Momentan weiß ich nicht, wie lange dieser Lauf noch geht. Marathon klingt da fast schon optimistisch. Passender wäre wohl: Und täglich grüßt das Murmeltier. Die Tage erscheinen wie eine Dauerschleife. Ab und an garniert mit kleinen Neuerungen im Ablauf.

Bei Mama abgeschaut: Zeichnen im Bullet Journal

Der Schule zum Beispiel. Also so in der Art. Unsere Drittklässlerin hat Mails mit den Aufgaben für zunächst zwei Wochen erhalten. Zusätzlich gibt es nun eine Lernplattform, auf die die Lehrerin kleine Erklärvideos hochlädt. Im ersten Moment war ich so erleichtert über die Unterstützung, die es nun gibt, dass sogar ein paar Tränen flossen. Zwei Tage später weinte ich dann aus Frust und Erschöpfung. Weil eben immer noch nicht alles gleichzeitig geht. Friedvolles Familienleben und Verantwortung dafür übernehmen, dass das Kind in der Zeit des Lernens zu Hause den Anschluss nicht verpasst. Den Haushalt schmeißen und den Kindern Struktur geben. Ausreichend Arbeitszeit schaffen und den Schlaf nicht vernachlässigen. Und vor allem: Den Kindern ihre Spielpartner ersetzen, ihre gleichaltrigen Kontakte, ihre Freiräume und Zeiten ohne die Eltern ermöglichen. Halt geben und Loslassen.

Die Kinder machen es erstaunlich gut

An dieser Stelle sei einmal ganz klar gesagt: Die Kinder machen es die überwiegende Zeit erstaunlich gut. Sie haben sich mit der Situation abgefunden, wie es scheint. Als unser Jüngster am Telefon vom Opa gefragt wurde, wie es ihm denn so geht, antwortete er: „Wir bleiben zu Hause, denn es ist ja noch Corona. Wenn kein anderes Kind draußen ist, dann gehen wir auf den Hof. Wir halten Abstand. Und weißt du, das wird wohl noch sehr lange so gehen.“ Als ich das gehört habe, musste ich schlucken. Wenn ein Fünfjähriger schon so resigniert ist…

Die Geschwister haben sich ganz gut miteinander eingerichtet, spielen im Garten mit ihren Bällen oder klettern in unserem Baum herum. Oft sitzen wir auch alle zusammen am großen Tisch und malen. Wenn sich die Wäscheberge zu hoch türmen oder in der Küche vor lauter dreckigem Geschirr keine Arbeitsfläche mehr zu sehen ist, helfen sie oft sogar gerne mit, das Chaos einzudämmen. Höhepunkt der Woche war eine riesige Tüte Lego, mit der mein Mann nach Hause kam. Seit zwei Tagen ist eines der Kinderzimmer nur noch Legoland – eine riesige Bau- und Spielewelt für kleine und große Kinder. Das war meine Chance, mich mal wieder an den Schreibtisch zurückziehen zu können, während vier Köpfe eifrig über kleine bunte Steinchen gebeugt waren und der Tag einfach so im Fluge verging.

Kommen wir nicht zum Legoland kommt das Legoland eben zu uns

Doch dann gibt es auch diese vielen Momente am Tag, wo sich die Kinder zanken, körperlich aufeinander losgehen, rumschreien, Sachen kaputt machen, einfach ausrasten. Wenn der Sturm vorbei ist, dann merke ich: Da sind momentan viele Bedürfnisse im Mangel. Und das verstehe ich gut. Ich würde mich manchmal auch gern auf den Boden schmeißen und mit den Fäusten trommeln. Würde zwar komisch aussehen, aber wäre sicher gesünder als die Strategie, die ich oft wähle: Ich deckle und deckle und deckle meine unguten Gefühle bis der Kessel irgendwann explodiert. Im besten Fall schaffe ich es vorher, mich an die Ventile zu erinnern, die beim Druck ablassen helfen. Bewegung, Ruhe, gute Gespräche. Im schlechtesten Fall beginnt ein energieraubender Kreislauf aus schlechtem Gewissen, Überangepasstheit und Erschöpfung.

Selbstempathie – ein endloses Feld

Ja, das alles passt gut zum Thema Selbstempathie, mit dem wir uns im April hier im Blog besonders beschäftigt haben. Ein lebenslanger Lernprozess und ein endloses Feld für persönliches Wachstum. Was ist also das Fazit? Gerade fühlt sich alles eher nach Stagnation an. Nach wenig Raum für Veränderung. Doch ich weiß auch: Das ist nur eine Momentaufnahme und kann ganz bald schon wieder komplett anders sein.

Über das Leben im Moment und das Innehalte, die Aufmerksamkeit für die vielen kleinen Dinge, schreibt ab nächste Woche Constance in ihrem Achtsamkeits-Logbuch. Es erscheint fortan im Wechsel mit meiner Kolumne.

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2 Kommentare

  1. Lilli Labentsch

    Liebe Birthe,
    Du sprichst mir aus der Seele.Genau so ist es! Bei uns läuft Prinzessin Lillifee als Hörbuch in Dauerschleife .Ich habe langsam das Gefühl meine Persönlichkeit spaltet sich😉
    Danke für Deine geschriebenen Worte.
    Liebste Grüße Lilli

    • Danke liebe Lilli! Irgendwie ist es doch schön zu wissen, dass wir nicht allein sind, oder? Ich hoffe so, so sehr, dass wir uns im Mai live wiedersehen können. Auch wenn es dann wohl noch mit viel Abstand sein wird. Bis ganz bald!

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