Beobachten, ohne zu bewerten

Vergangene Woche haben wir uns hier einen Überblick über das Vier-Schritte-Modell der Gewaltfreien Kommunikation verschafft.

Erinnerung
Marshall Rosenberg fragte sich (lange bevor er dieses Modell entwickelte):
Inwieweit tragen bestimmte sprachliche Wendungen und Ausdrucksformen dazu bei, dass es uns schwer fällt, einander in einem Gespräch zu hören und zu verstehen?
Und wie können wir uns stattdessen ausdrücken, damit – insbesondere in angespannten Situationen- das gegenseitige Einfühlungsvermögen erhalten bleibt?

Heute schauen wir uns den ersten Schritt dieses Modells genauer an: die „Beobachtung“. Sie wird unterschieden von der „Bewertung“. Dies ist die erste sogenannte „Schlüsselunterscheidung“ der Gewaltfreien Kommunikation.

Beobachten, ohne zu bewerten, ist die höchste Form menschlicher Intelligenz.

Jiddu Krishnamurti

Was ist eine „wertfreie Beobachtung“?

Die „Beobachtung“, auch „Wertfreie Beobachtung“ oder „Wahrnehmung“, umfasst all das, was wir – und andere ebenfalls – mit den Sinnen wahrnehmen können: sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen.

Vereinfacht ausgedrückt: alles, was so beschrieben wird, wie es auch eine Videokamera aufzeichnen könnte, ist eine wertfreie Beobachtung. (Wenn wir anderen Menschen unsere Beobachtung mitteilen, dann kann das tatsächlich ein bisschen so klingen wie die Regieanweisung in einem Drehbuch…)

Schlüsselunterscheidung: Beobachtung vs. Bewertung

Bei der Beobachtung richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können.
Bei der Bewertung richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was wir über die Situation denken.

Schlüsselunterscheidung Beobachtung vs. Bewertung



Eine Beobachtung im Sinne der GFK ist frei von:

– Bewertungen
– Interpretationen
– dem Unterstellen einer bestimmten Absicht
– dem Einordnen in Schubladen
– Verallgemeinerungen
– Kritik
– Vorwürfen
– Vergleichen.

Unsere gewohnte Sprache, so wie wir sie im Alltag nutzen, ist gespickt von all diesen Merkmalen. Hier ein paar Beispiele:

Bewertung: richtig, schlecht, das sieht schön aus, (zu) viel
Verallgemeinerung: immer, nie, ständig, jedes Mal wenn…, niemand, jeder
Vergleich: so wie gestern, wie eine Rakete, besser als
Vorwurf: egoistisch, gemein, unfair, respektlos, unverschämt
Interpretation: „Komm, du bist so müde“, „du hast mir nicht zugehört“
Schublade: Schlafmütze, Langschläfer, Workaholic, Teamplayer

Bewertungen jeglicher Art können den Kontakt zum Gegenüber erschweren.
Diese Formulierungen zu übersetzen in eine Sprache, die Herzensverbindungen begünstigt, ist Übungssache!

Hier einige Beispiele, wie so eine Übersetzung aussehen kann:

Bewertung / InterpretationBewertungsfreie Beobachtung
„Boah, der ist aber riesig!“„Boah, der ist ja 1,90 Meter groß!“
„Maja wollte mich mit Steinen bewerfen.“„Maja hielt einen Stein in der Hand und hob den Arm. Dabei schaute sie in meine Richtung. Dann bewegte sich ihr Arm nach hinten…“
„Ständig streiten sich die Kinder!“„Das ist der siebte Streit innerhalb von 2 Stunden.“
„Sie redet (zu) viel!“„In den letzten 15 Minuten hat sie mir ohne Unterbrechnung etwas erzählt, und im Laufe dieses Vormittags gab es mindestens 6 Situationen, in denen sie ebenfalls länger als 10 Minuten am Stück erzählt hat.“
„Da ist sie beleidigt abgedampft.“„Da hat sie die Stirn gerunzelt, „pah“ gesagt, hat das Kinn erhoben, sich umgedreht und den Raum verlassen.“
„Du unterbrichst mich dauernd.“„Du hast jetzt zweimal angefangen zu sprechen, als ich mitten im Satz war.“
Bewertung vs. Beobachtung

Wozu dient die „wertfreie Beobachtung“?

  1. Gemeinsamer Ausgangspunkt
    „Nicht selten beschreiben Konfliktparteien eine gemeinsam erlebte Situation – aus ihrer individuellen Perspektive heraus – völlig unterschiedlich, und verfahren sich dadurch gleich zu Beginn in einen neuen Streit über das, was den Konflikt überhaupt ausgelöst hat. Um einen Konflikt für beide Seiten erfolgsversprechend anzugehen, brauchen die Parteien als erstes einen gemeinsamen Ausgangspunkt: was ist genau geschehen? Was sind die sachlich überprüfbaren Fakten, denen beide zustimmen können?“ (I. Holler, Trainingsbuch Gewaltfreie Kommunikation, S. 50)

    Bei der wertfreien Beobachtung geht es u.a. darum, den gemeinsamen Nenner zu finden. Eine Gesprächsbasis, bei der beide sagen: „Ja, genau so war das auch aus meiner Sicht.“

    Beispiel aus dem Familienleben:
    Immer, wenn wir selbst oder unsere Kinder in eine „Nein“-„Doch“-Schleife geraten, wurde noch kein gemeinsamer Ausgangspunkt gefunden.
    Statt die Kinder dann zu fragen: „Was ist denn eigentlich passiert?“ ist es hilfreicher zu fragen: „Was hast du gesehen? Was hast du gehört?“ und dann den anderen zu fragen: „Hast du das auch so gesehen? Hast du das auch so gehört / ist es das, was du gesagt hast?“
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  2. Widerstand vermeiden
    Wenn die Beobachtung in Form einer Bewertung oder Interpretation geäußert wird, besteht die Gefahr, dass der andere eine Bedrohung spürt und sich wie bei einem Angriff verhält: mit Rückzug, Erstarren oder Gegenangriff. Bleiben wir bei den wahrnehmbaren Tatsachen, dann stehen die Chancen gut, dass die andere Person unsere Worte „hören kann“ – also hinter unseren Worten keinen Angriff vermutet und deshalb keine Notwendigkeit sieht, sich selbst zu verteidigen und zu schützen.
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  3. Orientierung: worum geht es?
    Möglicherweise wollen wir ein Ereignis besprechen, welches bereits einige Zeit zurückliegt? Die wertfreie Beobachtung hilft, unser Gegenüber zunächst einmal überhaupt ins Thema reinzuholen. Wovon sprechen wir gerade? Worauf beziehen wir uns? Welches Ereignis erinnere ich – und erinnert mein Gegenüber es ebenso?
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  4. Aus dem Elefanten wieder die Mücke machen
    Zu guter Letzt hilft uns die Trennung bewertender Gedanken von beobachtbaren Tatsachen vor allem im Selbstklärungsprozess: wir können mithilfe der wertfreien Beobachtung ein emotional geladenes Thema, das uns riesig und überwältigend erscheint, zunächst einmal wieder auf die Fakten reduzieren und ihm damit die Wucht, die empfundene Bedrohung, die überwältigende Größe nehmen. Wir schlüsseln dann sauber auf: was genau ist passiert – und was machen meine Gedanken daraus? Anschließend widmen wir uns diesem Kopfkino und identifizieren nach und nach alle Interpretationen, alle Bewertungen, alle Verallgemeinerungen, um sie mithilfe der nächsten zwei Schritte zu entschlüsseln…
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  5. Verantwortung übernehmen und den anderen einbeziehen
    Zu guter Letzt signalisieren wir uns selbst und unserem Gegenüber mit der Formulierung einer Beobachtung und mit dem Verzicht auf Bewertungen und Verallgemeinerungen, dass wir Verantwortung übernehmen (wollen) für unsere Reaktion auf eine bestimmte Situation. Und dass uns im Falle eines Konfliktes an einer friedvollen Klärung gelegen ist.

Einige Fragen zur Beobachtung

Verzichte ich in der GFK grundsätzlich auf Bewertungen?

Nein. In der Gewaltfreien Kommunikation versuchen wir nicht, auf Bewertungen zu verzichten. Bewertungen, Interpretationen – das gute alte „Bauchgefühl“ – haben ihren Sinn und Zweck. Sie schützen uns und helfen uns, innerhalb kürzester Zeit die Umgebung einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen.
In der Gewaltfreien Kommunikation bemühen wir uns allerdings darum, das Interpretieren und Bewerten als solche erkennbar zu machen und nicht mit neutralen Beobachtungen zu vermischen.


Ein praktischer Kniff ist es, die eigenen Gedanken und das Entstehen von Urteilen und Interpretationen in Form einer Beobachtung zu formulieren:
„Wenn ich dich das so sagen höre, dann steigt in mit der Gedanke auf, dass…“
„Ich merke, dass ich mir da gerade eine Meinung gebildet habe“
„Ich stelle fest, dass ich gerade in Urteilen denke“
„Jetzt gerade habe ich den Eindruck, dass…“
„In meinem Kopf entsteht ein Bild…“
„Du hast von 5 Minuten … gemacht / gesagt. Ich interpretiere das als…“
„Meine Interpretation ist, dass…“
„Ich habe den Gedanken, dass…“

Diesen Formulierungen kann – neben den nachfolgenden drei Schritten – eine klärende und verbindungssuchende Frage folgen: „Ist das für dich auch so?“, „Siehst du das auch so?“, „Kannst du meine Gedanken / meinen Eindruck nachvollziehen?“
Wir machen damit deutlich, dass es sich um unsere persönliche Meinung handelt und wir nicht den Anspruch erheben, dass es sich dabei um eine allgemeingültige Wahrheit handelt.

Das klingt ja ganz schön sperrig, irgendwie…unnatürlich! Muss das sein?

Die förmliche Sprache der Gewaltfreien Kommunikation klingt in unseren Ohren meist fremd. Es ist nicht die „normale“ Sprache, wie wir sie im täglichen Miteinander gebrauchen.

Wenn wir im Seminar, im Training oder in der Übungsgruppe das Übersetzen herkömmlicher Formulierungen in eine gewaltfreie Sprache üben, dann tun wir das quasi unter „Laborbedingungen„. Im Trainingskontext sind wir pingelig und legen jedes Wort auf die Goldwaage. Denn im Seminar oder Training geht es darum, die Essenz der Schlüsselunterscheidung zu verstehen und durch vielfaches und häufiges Üben routinierter zu werden im Erkennen und Übersetzen von (teils gut versteckten!) Bewertungen. Wir trainieren unseren „Wahrnehmungsmuskel“ und versuchem, bereits im Einführungsseminar eine gewisse Routine im wertfreien Beobachten zu etablieren. Oder zumindest das Bewusstsein dafür zu schärfen.
Da sind die exakten Formulierungen – bis hin zu einzelnen Worten – essentiell.

Im nächsten Schritt dann üben wir uns in umgangssprachlichen Formulierungen, die dann viel natürlicher klingen und leichter über die Lippen gehen.


Abschließende Bemerkungen

Wir werden hier und auch an einigen anderen Stellen immer wieder auf folgende zwei Punkte hinweisen, die uns sehr am Herzen liegen:

  1. Die Gewaltfreie Kommunikation ist kein Selbstzweck.
    Wir kommunizieren nicht gewaltfrei, um gewaltfrei zu kommunizieren.
    Wir nutzen die Erkenntnisse Rosenbergs über das Wesen und die Anwendung von Sprache, um in Gesprächen die Verbindung zu unserem Gegenüber und zu uns selbst aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
    Weder braucht es zwingend die GFK, um in Verbindung zu kommen und zu bleiben.
    Noch ist der Verzicht auf GFK der alleinige Grund für Verbindungsabbrüche.

    Die Gewaltfreie Kommunikation lädt uns ein, achtsam mit unserer Sprache umzugehen und uns drüber bewusst zu werden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit gerade richten.
  2. Die Vier Schritte sind kein Garant für gelingende Gespräche.
    Das Vier Schritte Modell ist ein Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger.
    Es hilft, die Komplexität der Sprache zu verstehen und zu reduzieren. Mithilfe des Modells der vier Schritte können wir wunderbar Schritt für Schritt üben und uns gezielt auf einen einzelnen Aspekt konzentrieren und diesen trainieren.
    Ein wirklich wertvolles Instrument – und doch kein Garant für den „Erfolg“.
    Nur, weil man Vokabeln und Grammatik beherrscht, heißt das nicht, dass man im fremden Land heimisch ist: Nur weil wir uns korrekt in vier Schritten ausdrücken, heißt das nicht, dass unser Gegenüber keinen Vorwurf mehr hört. Ebensowenig sind die vier Schritte ein sicheres Zeichen dafür, dass wir kein Urteil mehr über den anderen im Sinn haben…

    Unsere innere Haltung und das, was unser Gegenüber aus dem Gehörten macht sind letztlich entscheidend für den Gesprächsverlauf.

    Für den ersten Schritt der GFK bedeutet dies:
    Eine achtsam und korrekt formulierte wertfreie Beobachtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Anderen in Verbindung komme – sofern dies meine Absicht ist. Wie meine Formulierung dann tatsächlich vom anderen aufgenommen wird, entzieht sich meinem Einfluss.

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