Sie hängen mir manchmal zum Hals raus. Und doch lande ich immer wieder dort: bei den Vier Schritten der GFK

Heute schreibe ich einen eher persönlich angehauchten Artikel über mein doch manchmal recht durchwachsenes Verhältnis zu DEM zentralen Modell der Gewaltfreien Kommunikation. Es geht um die vier Schritte der GFK.

Ich möchte erzählen

  • was es mit den vier Schritten auf sich hat
  • weshalb ich manchmal so genervt bin und
  • warum ich am Ende des Tages doch immer wieder zu ihnen zurückkehre.

Denn um es gleich vorweg zu sagen: das Vier Schritte-Modell von Marshall Rosenberg ist ein wahrer Schatz. Am Ende des Artikels schreibe ich deshalb auch, wo überall im Alltag es praktisch zum Einsatz kommt.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

Marshall Rosenberg suchte bereits in jungen Jahren die Antwort auf zwei zentrale Fragen:

Er stellte fest, dass es eine ganz bestimmte Art der Kommunikation ist, die das naturgegebene einfühlsame Wesen blockiert, und dass eine andere Art der Kommunikation die Verbindung zu sich selbst und anderen Menschen begünstigt.

Er analysierte unsere Sprache und Sprachmuster und klassifizierte bzw. kategorisierte diese, bis schließlich ein Modell entstand, das aus 4 Komponenten besteht.

Da diese vier Komponenten im Gespräch nicht isoliert sondern zusammenhängend zu sehen sind, und weil wir uns hier in einem Prozess befinden (Erkenntnisprozess, Konfliktklärungsprozess…), werden diese vier Komponenten hierzulande gemeinhin als „die Vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation“ bezeichnet.

Erster Schritt: Beobachtung

Beobachtung / Wahrnehmung: alles, was eine Videokamera aufzeichnen kann

Die Gewaltfreie Kommunikation lädt dazu ein, bei der Schilderung dessen, was geschehen ist, zu verzichten auf Bewertungen (Interpretationen, das Unterstellen einer bestimmten Absicht und das Einordnen in Schubladen, Verallgemeinerungen, Kritik und Vergleiche) und stattdessen eine „bewertungsfreie Beobachtung“ bzw. „Wahrnehmung“ zu schildern.

Gemeint ist damit alles, was wir (und andere ebenfalls!) mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Abgesehen von Geruch und Geschmack also alles, was auch eine Videokamera aufzeichnen könnte:

„Was hören wir andere sagen, was sehen wir, was andere tun, wodurch unser Leben entweder reicher wird oder auch nicht?“

M. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens, 2007, S. 25

Zweiter Schritt: Gefühl

Im nächsten Schritt sprechen wir aus, wie wir uns angesichts des Beobachteten fühlen. Das können wir tun mithilfe von Gefühlsworten, oder auch mit Beschreibungen unserer Körperwahrnehmung.

Die Herausforderung hier liegt darin, Gefühle und Gedanken voneinander zu trennen. In unserer Alltagssprache ist es üblich, eher das auszudrücken, was wir über das Verhalten eines anderen Menschen denken (wie wir es beurteilen / bewerten), als zu sagen, wie es uns mit diesem Verhalten geht.
Für den einfühlsamen Kontakt eignet sich die Schilderung unserer Gefühlswelt besser.

Dritter Schritt: Bedürfnis

„Die Bedürfniszwiebel schälen“ – eine von 3 Techniken, um Bedürfnissen auf die Spur zu kommen

In der Gewaltfreien Kommunikation geht es unter anderem darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Dies tun wir nun auch im dritten Schritt:
Nachdem wir unsere Gefühle benannt haben sagen wir, welche Bedürfnisse hinter diesen Gefühlen stehen. Wir machen damit deutlich, dass das Verhalten einer anderen Person zwar Gefühle in uns auslöst, dass die Ursache (der eigentliche Grund) für die Gefühle jedoch in uns selber liegt.
Hört der andere in unseren Worten unsere Eigenverantwortung, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass er uns auch weiterhin zuhören kann, ohne aufgrund einer (gehörten) Schuldzuweisung in die Abwehr zu gehen.

Im dritten Schritt der Gewaltfreien Kommunikation ist es zudem förderlich, für das Bedürfnis einen abstrakten, allgemeingültigen Begriff zu wählen. In der Alltagssprache neigen wir dazu, Bedürfnisse mit Handlungen (sog. „Strategien zur Bedürfniserfüllung“) zu verwechseln. Anstatt zu sagen „Ich brauche Ordnung, um mich wohl zu fühlen“ kommt eher „Ich will dass du aufräumst, denn dann fühle ich mich wohl.“ Damit schränken wir den Spielraum für passende Lösungen jedoch massiv ein. Und der andere versteht eventuell noch nichtmals, worum es uns eigentlich geht…
(Und weil es gar nicht so einfach ist, seinen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen, haben wir hier einen Artikel dazu geschrieben).

Vierter Schritt: Bitte

Im vierten und letzten Schritt geht es darum, ganz konkret zu sagen, was wir selber und/oder andere Personen tun können, damit unser aller Leben schöner wird – also unser im dritten Schritt genanntes Bedürfnis erfüllt wird. Hier geht es um konkrete Lösungen.

Doch Achtung! In der GFK gilt das Gebot der Freiwilligkeit! Mit der Bitte laden wir den Anderen ein, dazu beizutragen, dass es uns gut geht. Er darf ablehnen, wenn eigene Bedürfnisse dagegen sprechen! Wenn wir ein „Nein“ des anderen nicht gut akzeptieren können, dann haben wir statt einer Bitte eher eine Forderung ausgesprochen. Hört der andere eine Forderung von uns, kann es passieren, dass die Verbindung abbricht und sich unser Gegenüber zurückzieht.

Hinweis

Das Modell der Vier Schritte wird, praktisch angewandt, dann zu einer runden Sache, wenn die Beobachtung, das Gefühl, das Bedürfnis und die Bitte zueinander passen und wirklich schlüssig miteinander verbunden sind. Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Nicht selten passt das Gefühl nicht zu der formulierten Beobachtung und dementsprechend hilft uns die Erfüllung des dann benannten Bedürfnisses auch irgendwie nicht so recht weiter…

Spätestens hier wird deutlich: Das Modell der Vier Schritte ist nicht kompliziert und recht einfach zu verstehen – jedoch alles andere als leicht umzusetzen!

Was mich am Vier-Schritte-Modell manchmal nervt

Das Vier-Schritte-Modell steht im Zentrum der Gewaltfreien Kommunikation (ein Großteil des Rosenberg’schen Standardwerks „Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens“ handelt davon…).
Das, was mit den Vier Schritten bezweckt wird, was man mit ihnen erreichen kann und die Absicht, die dahinter steckt, ist ja gar nicht so neu: neben Rosenberg haben auch andere Psychologen und Soziologen Kommunikations-Modelle und -Methoden entwickelt (Rogers, Schultz von Thun, Birkenbihl, Gordon…), die im Prinzip alle auf denselben oder ähnlichen Studien und Erkenntnissen basieren.

Rosenbergs Modell besticht durch seine Einfachheit. Es ist übersichtlich und es ist praktisch anwendbar – fast wie ein Rezept.

Zwang und Selbstzensur

Fast wie ein Rezept… genau das ist eines der Hauptprobleme, an denen ich mich im Alltag manchmal stoße: Ist meine Kommunikation „krank“, dann nehme ich die vier Schritte als „Medizin“ und schon ist meine Kommunikation wieder „gesund“. Und damit okay und unanfechtbar. Gewaltfrei!
Puh. Die Vier Schritte als Methode angewandt, um „es richtig zu machen“? Au weh. Das ist so gar nicht im Sinne der GFK! Abgesehen davon, dass dann mit Sicherheit der „Erfolg“ ausbleibt. Leider tappe ich trotzdem immer wieder in diese Denkfalle: „Ich muss in vier Schritten kommunizieren, sonst bin ich nicht gewaltfrei, und das ist schlecht. Ich darf auch nicht reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, denn dann nutze ich ungünstige Formulierungen, und das darf ich nicht.“
Das ist fast schon zwanghafte Anwendung eines vermeitlichen Regelwerks; hier findet gewaltvolle Selbstzensur statt – das kann ja nur schiefgehen!

Fehlende Lebendigkeit

Desweiteren sind die vier Schritte so logisch, so einfach, so flüssig, dass sie schnell mechanisch (fast schon automatisiert) angewendet werden. Dann findet das alles im Kopf statt und kommt nicht mehr von Herzen! Und wirkt unecht, platt – oder gar manipulativ!

Weil mir diese Risiken bewusst sind, versuche ich oft, auf dieses Vier-Schritte-Dings zu verzichten und mich irgendwie anders auszudrücken. Flüssiger, umgangssprachlich, flapsiger, auch mal den ein oder anderen Schritt schlabbernd. Leider falle ich dann jedoch schnell wieder in Denk- und Sprachmuster, die verbindungshemmend sind.
Wenn mir das auffällt, dann ärgere ich mich (weil ich denke, dass ich es doch eigentlich besser weiß) und gar nicht selten spüre ich sogar Trotz und innneren Widerstand (weil ich denke: „Boah eye, muss man immer diese blöden vier Schritte gehen, um sich gewaltfrei auszudrücken? Kann man nicht EINMAL… Wieso muss man immer so präzise sein?“)
Mein Trotz rührt daher, dass ich mich so gern auf eine verbindende Weise ausdrücken will und gleichzeitig soll es leicht fallen und natürlich klingen. Ich bin genervt, wenn ich denke, dass dieses Modell oft sperrig klingt und irgendwie gestelzt und unnatürlich. Und ich bin frustriert, weil es halt doch nicht so einfach ist, das Prinzip des Modells zu nutzen und in die eigene natürliche und authentische Sprache zu integrieren.
Wonach ich mich da sehne ist sprachliche Flexibilität und ein entspannter Umgang mit dem Modell.

Was für ein behäbiges Werkzeug…

Fehlende Spontaneität und Weichspüler

Tja, und gerade in Situationen, in denen es um Konfliktklärung geht, verteufele ich manchmal die GFK. Weil sie mich – vermeintlich! – daran hindert, Tacheles zu reden. Meinem Frust und Ärger Ausdruck zu verleihen und zwar bitte so, dass er beim anderen auch ankommt! Ich will, dass der andere merkt, wie stinkewütend ich bin – ich will nicht leise und hübsch Schritt für Schritt erst die Beobachtung, dann meine Gefühle, dann meine Bedürfnisse und schließlich eine freundliche Bitte formulieren. Ich will aus meiner Energie heraus sprechen – aber diese vier Schritte brauchen ja Zeit, und Raum für Schweigen und Spüren… ach menno. Sie behindern mich in meinem Redefluss! Bis ich Worte gefunden habe, ist doch meine ganze Wut schon wieder verpufft! Und oft drücke ich mich stockend aus – da fehlt mir der Flow…

Und umgekehrt nervt es mich auch, wenn mein Gegenüber in einer angespannten Stimmung seine Worte so mit Bedacht wählt und langsam spricht, und Pausen macht. Wie oft hab ich schon gedacht: „Mensch, jetzt sag doch einfach, was los ist, statt mich zu schonen. Ich komm schon damit klar! Nur SAG endlich was! Sag mir, was du denkst! Dann weiß ich endlich, worum es geht.“

(Natürlich weiß ich, dass GFK in Wirklichkeit alles andere als „nett“ ist – aber ich bin noch nicht vielen Menschen begegnet, die mit der GFK wirklich „echt“ und damit schonungslos klar und radikal ehrlich sind….)

Warum ich am Ende des Tages doch wieder bei den vier Schritten lande

Tja, da habe ich also manchmal den Gedanken, dass mich die Vier Schritte in meinem Selbstausdruck hemmen? Und dass ich einfach keine Lust habe, so präzise auf meine Wortwahl zu achten, um nur ja nichts Falsches zu sagen?

Und doch kehre ich immer und immer wieder zu den vier Schritten zurück. (Tatsächlich auch zu den formal gesprochenen!)

Warum?

Weil ich letztlich immer wieder die Erkenntnis habe, dass sich Eskalationen vermeiden lassen, wenn ich mir Zeit nehme und mich Schritt für Schritt selber kläre. (Ich habe tatsächlich noch nie erlebt, dass ein Konflikt eskaliert ist, wenn einer von beiden die Prinzipien der GFK berücksichtigt hat, und dazu gehören neben der Haltung eben auch die vier Schritte…).

Lösungen tun sich für mich doch immer dann auf, wenn ich mir Zeit nehme, mich mithilfe der vier Schritte mit mir selbst zu verbinden.
Wenn ich für mich klar habe, worum es mir tatsächlich geht und wonach ich mich tatsächlich sehne, und wenn ich den anderen dazu einladen kann, freiwillig zu unser beider Wohl beizutragen. Dafür möchte ich auch den anderen gern verstehen, und das kriege ich nicht hin, indem ich ihn auffordere, mir seine Urteile und Gedanken über mich mitzuteilen.

Nein, ich kenne einfach kein effektiveres Mittel als das Mich-Entlanghangeln an diesen vier Schritten, um rauszukommen aus destruktiven Gedankenkarussels und einzutauchen in konstruktive und von Wertschätzung geprägte Lösungsprozesse. Dieses Modell hilft mir, all meinen destruktiven Denkmustern Schritt für Schritt, Stück für Stück auf die Schliche zu kommen. Satz für Satz wird übersetzt, bis eine wahre Ich-Botschaft im Raum steht.

Irgendwie ist nach dem Verharren in gewaltvollen Gedanken die Rückkehr zu den vier Schritten wie die Rückkehr in den sicheren Hafen…

Wer die Magie wahrhaftiger Herzensverbindung schon einmal erlebt hat – als Folge eines authentischen Selbstausdrucks in vier Schritten – der wird sie nicht mehr missen wollen.

Und zu guter Letzt: ich kenne auch kein wirkungsvolleres Werkzeug, um anderen Menschen in sehr kurzer Zeit zu helfen, aus ihren Gedankenkarussels auszusteigen und in die Handlungsfähigkeit zurückzufinden. Als Empathiepartner nutze ich konsequent mein Wissen um die vier Schritte und führe mein Gegenüber mit letztlich nur vier Fragen in die Verbindung mit sich selbst zurück. Sofern dieser es wünscht…

Das Vier-Schritte-Modell im Alltag

Birthe und ich nutzen das Modell der Vier Schritte unbewusst und bewusst nahezu überall in unserem Alltag. Das fängt schon beim Denken an…

Ganz gezielt und recht formell nutze ich die vier Schritte, wenn ich als Empathie-Partner (oder auch im Coaching) andere Menschen darin unterstütze, sich selbst zu klären. Also herauszufinden, warum eine bestimmte Situation für sie problematisch ist oder welche Sehnsucht hinter einem Urteil steckt.

Wenn ich Geschwisterstreitigkeiten begleite, bemühe ich mich, als Außenstehende bei den vier Schritten zu bleiben und keine zusätzliche, desktruktiv wirkende Energie in den Konflikt hineinzugeben.

In eigenen Konfliktklärungsprozessen fällt es mir zugegebenermaßen am schwersten, meine Sprache achtsam zu wählen und gleichzeitig authentisch zu bleiben. Doch gerade hier sind die vier Schritte für mich ganz besonders wertvoll.

Auf den Punkt gebracht

Wenn ich gefragt werde, wo ich den größten Nutzen der vier Schritte sehe und wo ich sie am häufigsten „anwende“, dann antworte ich: bei der Selbsteinfühlung und Selbstklärung.
Bei der Frage: Was ist da gerade los bei mir? Was brauche ich und was kann ich konkret tun, damit es mir gut geht?

Hier ist die „Anwendung“ der vier Schritte dann ein Akt der Selbstfürsorge.

A propos Selbstfürsorge:
Man kann seine Bedürfnistanks auch auffüllen, ohne immer gleich die vier Schritte der Selbstempathie zu gehen. Mit ganz kleinen Dingen, die uns eigentlich immer und ganz generell gut tun und die sich leicht und praktisch in den Familienalltag integrieren lassen.

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Titelbild: Clker-Free-Vector-Images from Pixabay

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