Wie ich mir meinen Raum nahm und mein eigenes Leben und das Leben anderer dadurch bereichert habe

Ich gestehe: Ich habe eine ganze Zeit lang gedacht, dass die Gewaltfreie Kommunikation nicht funktioniert. Jedenfalls nicht für mich. Weil ich so ein verkopfter Mensch bin, meine Gefühle sorgsam gedeckelt habe und sich jeder, der versucht an sie ranzukommen, nur die Zähne daran ausbeißen kann. Wow. So ein krasses Urteil würde ich über keinen anderen Menschen fällen.

Denn ich bin ein durch und durch empathischer und verständnisvoller Mensch. Von dieser Seite her war die GFK von Anfang an ein Geschenk für mich. Ich hatte plötzlich eine Methode an der Hand, für das, was ich ohnehin schon immer gerne getan habe: Mich in andere Menschen hineinzuversetzen, sie dabei zu unterstützen, sich mit sich selbst zu verbinden. Ihren Gefühlen und Bedürfnissen näher zu kommen. Ihnen Raum zu geben.

Ich war gelangweilt und frustriert, weil ich mir selbst und meinem Gegenüber so wenig angeboten habe.

Während es mir also mit Leichtigkeit gelang, andere zu begleiten, mich empathisch in sie einzufühlen, war ich bei meinen eigenen Prozessen immer sehr ungeduldig mit mir selbst. Ja, ich möchte fast sagen, gelangweilt und frustriert, weil ich mir selbst UND meiner Begleitung so wenig angeboten habe. So sehr im Kopf geblieben bin.

Dabei gab es durchaus Dinge, die ich gerne geklärt hätte mit der Unterstützung anderer GFK-Übender. Ganz nach dem Motto „Mögen würde ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut“ fiel es mir immer unglaublich schwer, mir selbst den Raum zu nehmen, den es nun einmal für eine solche Klärung braucht. Der die Voraussetzung für wahre, echte Empathie ist.

Wenn ich mir selbst auferlege, immer nur stark sein zu wollen, dann bin ich im Grunde genommen tot.

Eine Wende zeichnete sich das erste Mal vor knapp einem Monat ab. In einem GFK-Seminar sprachen wir über Verletzlichkeit. Das Thema hat mich direkt elektrisiert, da ich ahnte: Da komme ich meinem Kern näher. Brené Brown, die dazu geforscht hat, beschreibt es so: „Verletzlichkeit ist die Geburtsstätte von Liebe, Zugehörigkeit, Freude, Mut, Empathie und Kreativität. Sie ist die Quelle der Hoffnung, des Mitgefühls, des Verantwortungsbewusstseins und der Authentizität.“ Kurz gesagt: Verletzlichkeit ist Lebendigkeit. Wenn ich mir selbst auferlege, immer nur stark sein zu wollen, dann bin ich im Grunde genommen tot.

Ich nahm außerdem das Bild von Theodore Roosevelt mit, der vom Mann in der Arena sprach. Wie oft war ich selbst in die Arena gestiegen? Wirklich ernsthaft und mit vollem Einsatz? Auf Leben und Tod? Wieviel hatte ich mich je getraut, von mir zu zeigen?

In den folgenden Wochen verblasste die Erinnerung an all diese Erkenntnisse wieder. Dachte ich zumindest. Bis wir uns vergangenes Wochenende erneut vor den Bildschirmen (f*** Corona) trafen, um dieses Mal über Glaubenssätze und den inneren Kritiker zu sprechen. Beides alte Bekannte von mir. Beides Dinge, mit denen ich bereits gearbeitet hatte. Ich fühlte mich auf sicherem Terrain.

Ich habe den Schmerz zugelassen, durchlebt und abfließen lassen.

Was ich an diesem Wochenende erleben durfte, erfüllt mich noch jetzt mit tiefer Dankbarkeit. Und auch mit Stolz. Denn ich war die Frau in der Arena. Ich bin in zwei unterschiedlichen Prozessen jeweils dahin gegangen, wo es so richtig weh tut. Bis ganz, ganz tief zum Kern. Ich habe den damit verbundenen Schmerz zugelassen, durchlebt und abfließen lassen.

Zum ersten Mal war „Selbstempathie“ für mich ein echtes mitfühlendes Verständnis für mich selbst. Zum ersten Mal habe ich mir selbst glauben können, dass ich alles getan habe, was mir in der Situation, die wir betrachtet haben, möglich war. Konnte Schuldgefühle gehen lassen. Und vor allem habe ich zum ersten Mal wirklich die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur okay ist, wenn ich mir meinen Raum nehme. Sondern dass ich damit gleichzeitig auch das Leben anderer bereichere. Weil so erst der Raum für einfühlsames Geben entsteht. Da ich weiß, dass einige von den daran Beteiligten diesen Blog lesen, hier noch einmal ein ganz explizites DANKE für diese unglaublich bereichernde Erfahrung.

Am Ende richte ich eine Bitte an mich selbst: „Ich bitte mich, mich daran zu erinnern wie gut es mir tut, wenn ich mich mit mir selbst verbinden kann.“ Denn dann können auch ganz alte Wunden langsam heilen.

Foto: Elliot Chau/Stocksnap

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Hast du selbst ein Thema, das du gerne einmal genauer betrachten möchtest und wünscht dir dafür Begleitung? Melde dich sehr gerne bei uns oder schau‘ dir doch mal an, was wir an Kursen anbieten.
Und falls du eine zündende Erkenntnis mit der GFK hattest, dann freuen wir uns, wenn du diese als Gastbeitrag mit uns teilen magst.

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2 Kommentare

    • Vielen Dank! Ich freue mich sehr, dass Dich der Beitrag inspiriert hat und bin sehr neugierig, was Dich besonders angesprochen hat. Was konntest Du für Dich daraus mitnehmen?

      Vielleicht magst Du dazu ja bei Gelegenheit noch einmal etwas schreiben.

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