Empathische Vermutung

Was bei Carl Rogers und Thomas Gordon „Aktives Zuhören“ heißt, ist in etwa vergleichbar mit dem, was in der Gewaltfreien Kommunikation als „Empathisches Zuhören“ oder „Empathie geben“ bezeichnet wird.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses empathischen Zuhörens ist die „Empathische Vermutung“. In unserem Verständnis ist die „Empathische Vermutung“ eine Technik, die während des aktiven Zuhörens angewandt werden kann.

Bei der empathischen Vermutung gibt der Zuhörer dem Sprechenden in eigenen Worten wieder, was er von ihm gehört und verstanden hat. Dabei wiederholt er jedoch nicht die gesagten Worte (die mitunter Bewertungen, Urteile, Gedanken, Interpretationen, Vorwürfe und Kritik enthalten können). Er richtet stattdessen seine Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Bedürfnisse, die möglicherweise hinter den Worten des Sprechenden stehen und benennt diese in Form einer Frage.

Wozu dient die empathische Vermutung?

Die empathische Vermutung ist ein Hilfsmittel, das dazu geeignet sein kann

  • dem Sprechenden zu vermitteln, dass man als Zuhörer auch wirklich präsent ist
  • sich rückzuversichern, ob man als Zuhörer das Gesagte so verstanden hat, wie es gemeint war, sowie dem Sprechenden die Gelegenheit zu geben, etwas richtigzustellen
  • die Sprechgeschwindigkeit zu reduzieren und mehr Ruhe in ein Gespräch zu bringen
  • dem Sprechenden die Gelegenheit zu geben, noch einmal über das zuvor Gesagte nachzudenken und noch einmal genauer in sich hineinzuhorchen
  • als Zuhörer die eigene Konzentration aufrecht zu erhalten
  • dazu beizutragen, dass beim Sprechenden dessen Bedürfnis nach Gehörtwerden genährt wird
  • Vielredner dabei zu unterstützen, schneller und gezielter zum Kern ihres Anliegens zu gelangen.

Absicht der empathischen Vermutung im Sinne der GFK ist es, den Sprechenden, der möglicherweise in Urteilen und gewaltvollen Gedanken verstrickt ist, (wieder) in Kontakt mit sich selbst, mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen, zu bringen. Der Zuhörer unterstützt den Sprechenden auf diese Weise darin, sich selbst zu klären, Geschehenes zu reflektieren, (wieder) handlungsfähig zu werden und eigene Lösungen entwickeln zu können.
Empathische Vermutungen sind immer nur ein Angebot.

Empathisch vermuten: wie geht das?

Hier ein paar sprachtechnische Hinweise, Tipps und Kniffe, wie eine empathische Vermutung im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation ausgesprochen werden kann:

  • Die GFK empfiehlt, Gefühle und Bedürfnisse direkt anzusprechen, und zwar – ganz wichtig – in einer fragenden Form. Das kann ein Fragesatz sein nach dem Schema „Bist du [Gefühl] weil du [Bedürfnis] brauchst?“
    „Bist du erschöpft, weil du Entlastung brauchst?“ „Bist du aufgeregt, weil du gern möchtest, dass respektvoll mit dir umgegangen wird?“
  • Wem das zu sperrig oder zu gestelzt klingt, kann abwandeln und umgangssprachlicher formulieren.
    „Oh mann, das klingt anstrengend… bist du erschöpft? Sehnst du dich nach Entlastung?“ „Oh je, du klingst ganz aufgeregt – hättest du gern, dass respektvoll mit dir umgegangen wird?“
  • Die Vermutung muss nicht zwingend als Fragesatz formuliert werden; elementar ist jedoch ein deutlich hörbares Fragezeichen am Ende.
    „Das klingt so, als wärst Du traurig, weil Dir Aufrichtigkeit wichtig ist?
    „Hm, du bist angespannt, weil dir Sicherheit wichtig ist?
  • Auf direkte Fragen verzichten. „Wie fühlst du dich?“ „Welches Bedürfnis ist verletzt?“ ist für unseren Gesprächspartner manchmal schwer zu beantworten, weil er unter Umständen gar keinen Kontakt dazu hat oder weil diese Fragen als Übergriff interpretiert werden. Es besteht auch die Gefahr, dass dann intellektuell darüber diskutiert wird.
  • Das Wort „mehr“ vermeiden.
    Anstatt „Wünschst du dir mehr Respekt?“ lieber „Wünschst du dir Respekt?“.
    Das „mehr“ lädt dazu ein, darüber zu diskutieren ob überhaupt, und wenn ja wieviel von diesem Bedürfnis bereits erfüllt ist. Das entfernt das Gegenüber von seinem eigentlichen Anliegen.
  • Die Formulierung „von mir“ bzw. „von xyz“ vermeiden.
    Anstatt „Wünschst du dir Anerkennung von mir?“ lieber „Sehnst du dich nach Anerkennung?“
    Wenn die Bedürfniserfüllung schon rein sprachlich an eine konkrete Person geknüpft wird, kommt das Gegenüber schwerer in die Eigenverantwortung und die eigene Handlungsfähigkeit. Wenn jemand denkt, sein Wohlbefinden hänge von einer bestimmten Person ab, kann ein Gefühl von Resignation und Ohnmacht die unerwünschte Folge sein.

Abschließende Hinweise

  • Bei der empathischen Vermutung gilt es zu beachten, dass die GFK unterscheidet zwischen einer „Vermutung“ und einer „Behauptung“.
    Dazu gibts demnächst den Lexikon-Eintrag „Schlüsselunterscheidung: „Vermutung“ vs. „Behauptung“.
  • Es gibt einige Fallstricke in Zusammenhang mit der empathischen Vermutung, die man umschiffen kann. Der Artikel dazu erscheint am Mittwoch, 5. August 2020, auf unserem Blog.

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