Wie die Gewaltfreie Kommunikation bei AD(H)S und Co unterstützen kann

Mutter, Vater, Kind

Zappeligkeit, ungebremste Impulsivität, Konzentrationsstörungen, häufiger Streit mit den Geschwistern… Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-)Störung, kurz AD(H)S, bringen viele Besonderheiten mit, die den Familienalltag oft herausfordernd machen. Umso wichtiger ist es, sich um eine wertschätzende Kommunikation zu bemühen. Davon ist Birthe fest überzeugt – und gleichzeitig weiß sie auch, dass es nicht immer so einfach ist, wie es klingt.

„Mein Kind hat ADHS – funktioniert das dann mit der Bedürfnisorientierung und der GFK überhaupt?“ – so oder so ähnlich habe ich es schon in verschiedensten Elterngruppen und Foren gelesen. Ganz ehrlich: Ich habe mich das ab und an selbst schon gefragt. Dahinter steckt der Gedanke, dass Kinder mit dieser Erkrankung besonders viel Klarheit, Struktur, Vorhersehbarkeit und Orientierung benötigen, um ihren Alltag gut bewältigen zu können. Und genau das, so meinen die Fragensteller:innen, fehlt in der Bedürfnisorientierung oder kommt mindestens zu kurz.

Kommunikation für eine starke Beziehung

Ich möchte in diesem Text meine subjektiven Erfahrungen als Mutter eines Kindes mit ADHS zusammentragen. Ich nenne darin Gründe, warum die Gewaltfreie Kommunikation GERADE bei dieser Diagnose ein Segen für die ganze Familie sein kann. Und ich erzähle davon, wie es gleichzeitig ein stetiges Abwägen, Ringen, Zweifeln und immer wieder bewusstes Entscheiden DAFÜR ist. Für ein wertschätzendes Miteinander, für den Versuch, die Beziehung zu festigen und das Kind stark zu machen für alles, was noch kommen mag.

„Zappelphilipp“ und „Träumerliese“

Puh, also diese Labels für Kinder mit ADHS bzw. ADS sind schon harter Tobak. Und klar, sie sind absolut nicht gewaltfrei. Ich habe mich auch lange Zeit dagegen gewehrt, überhaupt eine Diagnostik bei unserem Kind machen zu lassen. Denn natürlich bedeutet jede Diagnose auch, einen Menschen in eine Schublade zu stecken. Seine Individualität zu bewerten. Um jedoch die Herausforderungen anzureißen, mit denen das Kind selbst sowie die Eltern und Geschwisterkinder zu kämpfen haben, mache ich diese Schublade einmal ganz bewusst auf:

Kinder mit AD(H)S fallen durch ihre Unangepasstheit auf: Dadurch, dass sie mit ihrem Verhalten nicht den Erwartungen anderer entsprechen. Sie sind zu impulsiv, zu laut, zu zappelig, zu unkonzentriert. Sie haben eine niedrige Frustrationstoleranz und neigen zu heftigen Wutausbrüchen. Sie haben manchmal auf der einen Seite Schwierigkeiten, Regeln einzuhalten und pochen auf der anderen Seite darauf, dass andere sich an Vereinbarungen halten. Sie nehmen viele Dinge persönlicher als andere, beziehen alles auf sich und streiten sich häufiger mit Geschwistern, Mitschüler:innen, Freund:innen und anderen Bezugspersonen.

Natürlich bringen wir alle Anteile von den oben genannten Eigenschaften mit. Mal mehr, mal weniger. Entscheide bitte auch selbst, ob du es für dich für sinnvoll erachtest, eine Diagnose zu haben. Welche Bedürfnisse erfüllen sich dadurch?

Falls du über eine Suche auf unsere Seite gestoßen bist, dann vermute ich, dass du mindestens den Verdacht hast, dass dein Kind von AD(H)S betroffen sein könnte. Ich möchte hier auch nicht vom Sinn oder Unsinn von Diagnosen schreiben, sondern mich im Nachfolgenden darauf konzentrieren, wie die Gewaltfreie Kommunikation einen wertvollen Beitrag zu mehr Familienfrieden leisten kann – natürlich nicht nur bei AD(H)S!

Raus aus dem Mangel, hinein in die Fülle

Oftmals liegen die Nerven auf allen Seiten blank, wenn selbst die kleinsten Situationen immer wieder hochkochen. Ich weiß noch wie wir damals in einer Erziehungsberatung saßen und gesagt bekamen, wir müssten dringend „härter durchgreifen“ und dürften uns keinesfalls die „Zügel aus der Hand nehmen lassen“. Doch ein Kind, ganz gleich ob mit AD(H)S oder gefühlsstark, hochsensibel oder wie auch immer du es nennen willst, handelt nicht aus Boshaftigkeit, Provokation oder Respektlosigkeit.

Ich bin wirklich fest davon überzeugt, dass all die unerwünschten (und ja, auch sehr ungünstigen) Verhaltensweisen vor allem eines signalisieren: Da ist ein Kind sehr in Not geraten. Es nutzt in diesen Momenten seine bestmögliche Strategie zur Bedürfniserfüllung. Und gerade bei Kindern, die aufgrund ihrer Andersartigkeit schon eine Menge Zurückweisungen, Tadel und Schmerz erlebt haben, sind unglaublich viele Bedürfnisse im Mangel. Ebenso wie häufig das Selbstwertgefühl leidet unter der immer wiederkehrenden Erkenntnis: „Ich bin nicht gut so wie ich bin. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann es einfach nie richtig machen.“

Die Sehnsucht nach Leichtigkeit

Auf Seiten der Bezugspersonen ist ebenfalls ganz viel im Mangel. Erst vor ein paar Tagen hatte ich wieder eine solche Situation. Als ich Verena davon berichtete, seufzte sie nur tief und sagte: „Da hättest du dir Leichtigkeit gewünscht, was?“. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Denn meine wichtigste Erkenntnis aus den vergangenen Jahren ist folgende: Kinder mit AD(H)S brauchen oftmals eine viel engere Begleitung sowie eine sehr klare und gleichzeitig wertschätzende Kommunikation. Das ist durchaus auch anstrengend!

„Die Beziehung zum Kind kann dann spürbar verbessert werden, wenn die Erwachsenen die Verantwortung übernehmen und aus Bewertungen und Verurteilungen aussteigen“, habe ich auf der Seite www.familie-mit-adhs.de gelesen.

Besonders den Teil mit der Verantwortung spüre ich stark. Natürlich sind Eltern generell für die Qualität der Kommunikation verantwortlich. Doch in diesem Fall ist es besonders wichtig, aus der Gedankenspirale auszusteigen. Formulierungen wie „hätte“, „könnte“, „müsste“, „würde“ nicht nur aus dem Wortschatz, sondern am besten auch aus den Gedanken zu streichen.

Was mich auch zum ersten Punkt bringt, wie die Gewaltfreie Kommunikation bei AD(H)S ihre Wirksamkeit entfalten kann.

Annehmen, was ist

Wenn wir Eltern werden, haben wir oftmals feste Vorstellungen, wie das Leben mit Kind sein wird.
Es ist hilfreich, diese loszulassen und sich auf das zu konzentrieren was ist.

Nachdem ich eingangs bewusst die Schublade aufgemacht habe, möchte ich sie nun entschieden wieder schließen. Ich lade dich dazu ein, dein Kind so zu betrachten, als würdest du es zum ersten Mal sehen.

Schau hin mit aller Neugier, betrachte es mit der Neutralität einer Kamera, die einfach nur Momente filmt, ohne darüber ein Urteil zu haben. Weite deinen Blick, sei liebevoll und wage einen Neustart. Besonders, wenn es bisher viele Situationen gab, in denen du vor allem die Probleme und die Herausforderungen gesehen hast. Es ist wie es ist. Nimm es an.

Bedürfnisse erkennen und nähren

Welche Geschichte hast du dir bisher über dein Kind erzählt? Welche Geschichte über dich als Mutter oder Vater? Welche Geschichte über die Art und Weise, wie du dein Kind begleiten willst? Vielleicht hast du dir ausgemalt, dass dein Kind maximal selbstbestimmt aufwächst. Dass du ihm nicht reinreden willst bei Entscheidungen und du ihm viel Autonomie lassen willst. Denn es soll sich ja frei entfalten können. Freiwilligkeit ist dir wichtig. Ihm etwas vorzugeben widerstrebt dir.

Also mir ging es jedenfalls so, als ich damit begann, bedürfnisorientiert erziehen zu wollen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich begriff, dass mein Kind manche seiner Verhaltensweisen auch deshalb zeigte, weil es dringend nach Orientierung, Führung und Klarheit suchte. Ich sollte ihm sagen, was es zu tun hatte. Mit der Wahlfreiheit überforderte ich es oft.

Ich hatte ordentlich daran zu knabbern, weil Führung lange für mich im Widerspruch zur Gewaltfreien Kommunikation stand. Bis ich begriff, dass es GENAU DAS war, was mein Kind brauchte. Entscheidend ist in welcher Haltung ich mein Kind führe. Was mich zum nächsten Punkt bringt:

So viel Freiheit wie möglich, so viel Führung wie nötig

Als Eltern sind wir auch dazu da, unserem Kind ein sicheres Geländer zu geben, innerhalb dessen es sich ausprobieren kann. Manche Kinder brauchen einfach ein engeres Geländer.

In einer der Elterngruppen zitierte eine Mutter ihr Kind wie folgt:  „Mami, ich möchte eigentlich schon selbst bestimmen, aber mir fällt es soooo schwer, Entscheidungen zu treffen.“ An dieser Stelle können wir unserem Kind ganz gezielt helfen, indem wir die Verantwortung übernehmen und entscheiden. Auch, wenn vielleicht Klassenkamerad:innen solche Dinge schon selbstständig machen. Auch, wenn wir fürchten, später den Frust begleiten zu müssen, der sich vielleicht nach der durch uns getroffenen Entscheidung einstellt.

Ich erlebe es als ein stetiges Abwägen und Austesten, wieviel Wahlmöglichkeiten ich anbieten kann und wann es das Kind überfordert. Kinder mit AD(H)S brauchen oftmals eine längere und engere Begleitung – und das ist völlig okay. Früher oder später wird der Zeitpunkt kommen, an dem das Kind eigene Strategien entwickelt hat und wir ihm mehr Verantwortung übertragen können.

Starke Gefühle begleiten

Kinder mit AD(H)S sind meist sehr impulsiv und gefühlsstark. Gerade die Wutausbrüche kommen manchmal für Außenstehende nahezu unvorhersehbar und mit einer unglaublichen Wucht. Absolut sinnlos, in der Akutsituation das Kind über Worte erreichen zu wollen. Viel wichtiger ist es aus meiner Erfahrung, sich nicht von der Wut „anstecken“ zu lassen. Das ist leichter gesagt als getan, denn AD(H)S ist vererbbar. Und so treffen oftmals gefühlsstarke Kinder auf gefühlsstarke Erwachsene. Eine explosive Mischung.

Dabei braucht das Kind bei starken Gefühlen meist noch bis ins Teenageralter hinein den Erwachsenen für die Co-Regulation der Gefühle. Manchmal kann diese auch nur darin bestehen, das Kind, sich selbst und andere Beteiligte oder auch Wertgegenstände zu schützen.

Manchmal hilft es, die Situation zu verlassen

Besteht keine Gefahr, kann es besser sein, die Situation zunächst zu verlassen und in einen inneren Monolog zu gehen. Mir selbst Empathie zu geben. Ein echter Meilenstein war bei uns erreicht, als mein Kind am Abendessenstisch sagte: „Ich bin eine Bombe. Ich explodiere gleich“ und daraufhin den Raum verließ. Wow! Es hatte eine Strategie gefunden, mit seinen es überschwemmenden Gefühlen umzugehen.

Solche Strategien kannst du ganz gezielt mit deinem Kind trainieren. Indem du zum Beispiel nach einem Wutausbruch diesen noch einmal mit ihm gemeinsam reflektierst. Natürlich erst, wenn sich die Situation wieder beruhigt hat und die Atmosphäre entspannt ist. Hierzu eignen sich wunderbar die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation. So lernt dein Kind gleich auch, Gefühle zu benennen und herauszufinden, was es braucht. In unserem Fall haben wir besprochen, welche sicheren Rückzugsorte es geben kann, wenn die Hitze im Körper wieder aufsteigt oder wie diese Gefühle in Worte gefasst werden können.

Knappe, präzise Sprache hilft

cheerful young woman screaming into megaphone
Achtung Achtung! Das ist eine Durchsage:
Eine klare, kurze Ansprache ist bei Kindern mit AD(H)S meist zielführender als viele Worte.

In der direkten Kommunikation im Alltag sollte die Ansprache hingegen lieber kurz, knapp und präzise sein. Denn Kinder mit AD(H)S haben ja eben nur eine ganz begrenzte Aufmerksamkeitsspanne. Hilfreich ist es auch, zunächst einen unmittelbaren Kontakt herzustellen, ggf. über eine Berührung und Blickkontakt.

Ich lasse mein Kind oft wiederholen, was es von mir gehört hat, wenn es um wichtige Dinge geht. Anfangs reagierte es darauf total allergisch. Also erklärte ich ruhig und klar meine Beweggründe dafür und begleitete empathisch die dabei aufkommenden Gefühle wie Genervtheit und Frust. Inzwischen kennt mein Kind dieses Prozedere und wiederholt die Dinge manchmal von sich aus. Denn das gibt ihm Sicherheit. Oder es macht sich Notizen.

Übrigens: Eine kurze und knappe Kommunikation kann ebenso wertschätzend sein, wie ein säuberlich in den vier Schritten formuliertes Anliegen. Es kommt auf die Haltung an.

Das Wiederholen lassen des Gehörten kann das Kind auch dabei unterstützen, Dinge nicht immer so sehr auf sich zu beziehen. Äußert es selbstverurteilende Sätze, hast du die Chance, das Gesagte noch einmal zu präzisieren: „Nein, das meinte ich nicht. Ich versuche es noch einmal anders zu formulieren…“

Der größte Schatz der GFK: Selbstklärung

Seit ich mich auf den Weg gemacht habe hin zu einer wertschätzenden Kommunikation, hat sich jedoch vor allem eines verändert: Ich kann mit dem meisten, was da kommt, deutlich souveräner umgehen. Mit den Gefühlen meines Kindes ebenso wie mit meinen. Früher war ich extrem schnell getriggert von den Worten oder Handlungen meines Kindes.

Inzwischen gelingt es mir immer häufiger, in der Situation selbst oder im Nachhinein zu schauen, wer was braucht, welche Bedürfnisse im Mangel sind und wo wir uns gemeinsam auf die Suche nach Strategien begeben können. Ich habe gelernt, gut für mich selbst zu sorgen, mich in Situationen auch mal klar abzugrenzen und mir vor allem die Dinge nicht so anzunehmen.

Urteile und Befürchtungen wandeln

Ich hatte früher viele Urteile und Befürchtungen in Bezug auf mein Kind. Auch heute taucht ab und an etwas auf. Mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation gelingt es mir zunehmend besser, auf die dahinterliegenden Bedürfnisse zu schauen.

Auch die Schuld- und Schamgefühle, die früher an der Tagesordnung waren, kann ich mit den Werkzeugen der GFK viel besser bearbeiten. Jeder Tag ist eine neue Chance. Jeden Tag können wir alle als Familie wieder ein Stückchen gemeinsam wachsen. Auch dann, wenn es am Tag zuvor nicht so lief wie gewünscht.

Das hat doch alles nichts mit AD(H)S zu tun…

…falls du das jetzt denkst: Stimmt! Die allermeisten Dinge, die ich hier beschrieben habe, treffen mehr oder weniger ab und an auf jedes Kind zu. Daher wirst du vielleicht auch Anregungen gefunden haben, wenn dein Kind nicht von AD(H)S betroffen ist. Wir Leuchtturm Eltern sind der festen Überzeugung, dass jedes Kind ein Bedürfnis nach Führung hat. Wie wir führen – das ist das entscheidende.

Wie siehst du das? Lass‘ uns gerne einen Kommentar oder eine Frage da!

Du willst mehr über Bedürfnisse erfahren?

Dann schau dir doch gerne mal unser Workbook an: „Bedürfnisse – so kommst du ihnen auf die Spur“. Schau gerne hier für weitere Informationen.

4 Kommentare

  1. Was ein wundervoller Beitrag! Ich bin selbst ein zappel-phillip-kind, wenn auch ohne Diagnose. Leider beobachte ich, dass Kinder viel zu schnell in diese Schublade gesteckt werden. Und das für ein Verhalten, das schlussendlich typisch Kind ist. Ich mag die weit verbreitete Pathologisierung von gesundem Verhalten überhaupt nicht.

    Eigenschaften, die Kinder mit AD(H)S mitbringen sind auch für unsere Gesellschaft zunehmend wichtig. Mit einem wertschätzenden Blick auf unsere Kinder können wir erkennen lernen, was für eine große Stärke diese Disposition mitbringt.

    • Liebe Wiebke,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Es freut mich sehr, dass Du ihn für Dich als bereichernd empfunden hast.
      Und ich stimme in der Sache voll und ganz zu: AD(H)Sler haben auch viele Fähigkeiten, die andere nicht haben. Zum Beispiel spürt mein Kind sehr schnell Stimmungen auf und kann sehr empathisch sein. Zudem hat es einen starken Gerechtigkeitssinn. Um nur einige Dinge zu nennen.

      Auch Deinem ersten Absatz mag ich beipflichten! Vieles davon ist in der Tat typisch Kind – und ich füge hinzu: Auch wir Erwachsenen würden davon manches gerne ausleben, wenn wir immer so könnten, wie wir wollten… Und gleichzeitig ist es das Gesamtpaket und die Anforderungen im (Regel-)Schulsystem, die diesen Kindern und ihren Eltern das Leben schwer macht. Da braucht es viel Selbstvertrauen und teils auch Wissen, immer wieder auszuhalten, wenn man einen anderen Weg geht.

      Liebe Grüße,
      Birthe

  2. Vielen Dank für diesen Beitrag! Vielleicht habt ihr noch einen Tipp in der Praxis, wie ich mehr Klarheit reinbringe. Momentan kommuniziere ich mit meinem 7jährigen, kurz und knapp, aber wiederhole mich wie ein Papagei bzw. werde wütend. Gibt es z.B. für Morgenabläufe Tipps, vielleicht wie ich es visualisieren kann, wenn mein Kind mich einfach immer wieder überhört? Was haben Lehrer für Tipps während des Unterrichts, wenn diese Kinder einfach schneller ermüden und motorisch unruhig sind?

    • Liebe Hedwig,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Fragen! Ich versuche da mal meine „best practice“ Erfahrungen zu teilen. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Leser:innen, die dazu etwas beitragen können?

      Klarheit am Morgen (oder auch am Abend) schaffen wir tatsächlich durch Routinen, also möglichst alles immer in der gleichen Abfolge. Diese kannst Du natürlich gut visualisieren, indem Ihr etwa Bilder auf eine große Pappe klebt und mit einer Wäscheklammer von Bild zu Bild wandert, je nachdem, was gerade dran ist. So einen Ablaufplan bastelst Du am besten zusammen mit Deinem Sohn, dann stehen die Chancen besser, dass er ihn auch annimmt. Sucht zusammen Bilder aus Zeitschriften oder dem Internet, die ihm zusagen. Mehr Ideen dazu findest Du übrigens auch bei uns im Beitrag zum Thema „Übergänge“.

      Denn aus meiner Erfahrung haben Kinder mit AD(H)S oft ein besonderes Problem mit Übergängen, also den Wechseln von einer in die nächste Situation. Das klingt ja in dem was Du schreibst auch an.

      Wir arbeiten zudem morgens mit einem akustischen Signal, wir haben uns da die Uhr von Jako-o (unbezahlte Werbung) gekauft. Dort kannst Du fünf Uhrzeiten einstellen. Bei jeder gibt es einen Gong. Etwas unglücklich finde ich, dass der Gong immer gleich klingt. Wir begleiten das dann also wie folgt: „Das war der erste Gong. Bitte werd‘ langsam wach. Wenn der Gong das nächste Mal klingelt, ist es Zeit aufzustehen.“ Natürlich geht das auch nicht ganz ohne Erinnerung. Aber die Gongs rütteln unsere Kinder gut wach und sie freuen sich auch, wenn sie zum Beispiel ihre Schuhe angezogen haben, bevor der Gong das Signal dafür gegeben hat.

      Was wir sonst noch machen für Klarheit: Wir haben in der Küche eine große Tafel hängen, wo wir am Vorabend den Tag durchplanen. Wann gibt es Frühstück? Wann ist Zeit für Hausaufgaben? Welche Termine stehen heute an? Das gibt unseren Kindern viel Orientierung und Sicherheit. Auch hier kannst Du wieder einen kleinen Marker wandern lassen zur Verdeutlichung. Im unteren Bereich dürfen die Kinder notieren, was sie an diesem Tag unbedingt machen wollen. Das planen wir dann gemeinsam in den Ablaufplan ein.

      Zum Thema Schule: Ich mache es bei den Hausaufgaben so, dass ich den Teil der Aufgaben, der gerade nicht dran ist, abdecke. So ist nur sichtbar, was in diesem Moment bearbeitet werden soll. Das beugt einer Überforderung bei. Wir haben in den ersten Schuljahren die Aufgaben in 10 Minuten Häppchen unterteilt und zwischendrin viele Bewegungspausen gemacht. Das war auch die Vereinbarung mit der Lehrerin: Unser Kind durfte jederzeit bei motorischer Unruhe mal eine Runde durch das Schulgebäude drehen.
      Und ganz neu arbeiten wir jetzt mit Kauketten, die sind aus einem bestimmten Material auf dem das Kind bei Anspannung herumbeißen kann. Da bleiben dann die Stifte, Pullis und T-Shirts verschont….

      Das sind die Dinge, die mir konkret einfallen. Hilft Dir das weiter?
      Ach ja, hier geht es zum Text zum Thema „Übergänge“ – wir haben da auch ein Freebie zu entwickelt: https://leuchtturm-eltern.de/6-tipps-situationswechsel/

      Liebe Grüße,
      Birthe

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