Kennst du deine TOP 5 Bedürfnisse?

Alle Bedürfnisse sind gleichwertig und gleich wichtig, oder? Nein. TOP-Bedürfnisse wiegen schwerer!

Bedürfnisse sind universell, gleichwertig und gleich wichtig.
Bedürfnisse sind möglicherweise unterschiedlich dringlich.
Aber keines steht im Rang höher als ein anderes.

So sagt es die Gewaltfreie Kommunikation.

Ja, dem stimme ich zu.
Und ich ergänze: für mich ist es nur die halbe Wahrheit.

Das oben Gesagte sind Grundannahmen und Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation, die die dahinterliegende Haltung in der Begegnung mit anderen Menschen beschreiben. Wenn zwei Menschen aufeinander treffen und es zu einer Entscheidung, einer Meinungsverschiedenheit oder einem Konflikt kommt, dann wollen wir den anderen in seiner Menschlichkeit sehen und ihm zugestehen, dass auch er Bedürfnisse hat, so wie wir. Bedürfnisse, die ebenso wichtig und wertvoll sind wie unsere eigenen. Meine Bedürfnisse sind nicht wichtiger oder besser als die des anderen.

Wenn ich allerdings mir selbst begegne, wenn es ein innerer Konflikt ist, der mich umtreibt, ein Zwiespalt, eine Unsicherheit bezüglich meines Handelns – was mache ich dann mit diesem Satz: Alle Bedürfnisse sind gleichwertig und gleich wichtig? Gibt es kein Bedürfnis, das wichtiger ist als ein anderes?

Doch. Aus meiner Sicht gibt es für uns persönlich bestimmte Bedürfnisse, die (ge)wichtiger sind als andere Bedürfnisse. Sie wiegen schwerer. Ich behaupte: jeder hat solche TOP-Bedürfnisse und es ist extrem hilfreich, diese zu kennen.

Nur: welches sind denn eigentlich meine TOP 5 Bedürfnisse? Und wie finde ich sie heraus?

Darum soll es heute gehen.

Alle Bedürfnisse sind gleichwertig. Jedes möchte erfüllt werden.

Alle Bedürfnisse sind gleichwertig und gleich wichtig? Nein – manche Bedürfnisse sind wichtiger als andere – für uns selbst

Ich möchte wiederholen und noch einmal betonen: alles Nachfolgende gilt für unser eigenes Inneres. In Verbindung mit anderen Menschen sind alle Bedürfnisse gleichwertig und gleich wichtig. In uns drin jedoch haben manche Bedürfnisse einen höheren Stellenwert, eine größere Bedeutung als andere.

Was meine ich damit?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Wohlbefinden und Wohlergehen nicht von der Erfüllung aller Bedürfnisse gleichermaßen abhängt.

Manche Bedürfnisse können dauerhaft in Mangel sein und trotzdem geht es mir recht gut. Wenn diese Bedürfnisse dauerhaft voll erfüllt sind, dann ist es einfach okay und prima für mich.

Andere Bedürfnisse hingegen brauchen nur einen Hauch vom Minimum abzuweichen und sofort schlägt der Mangel voll zu Buche. Dann geht es mir richtig schlecht. Manchmal wirkt sich allein die Vorahnung eines Mangels gravierend auf mein Wohlbefinden aus. Gleichzeitig gilt für diese Bedürfnisse: sind sie schon ein klein wenig mehr erfüllt als nötig, oder sogar sehr gut genährt, dann erlebe ich emotionale Glückszustände, die ich fast schon als euphorisch bezeichnen würde.

Es gibt also Bedürfnisse, deren Füllstand nicht besonders stark auf mein Wohlbefinden einwirkt. Und es gibt Bedürfnisse, deren Füllstand extrem relevant ist für mein Wohlbefinden.

Letztere nenne ich meine wichtigsten, meine TOP-Bedürfnisse. Sie im Blick zu behalten hat für mich höchste Priorität.

Warum es wertvoll ist, seine TOP-Bedürfnisse zu kennen

1. Schnelle und effektive Selbstfürsorge

Wenn du deine TOP-Bedürfnisse kennst, dann weißt du, bei welchen Bedürfnissen schnell die größten Effekte hinsichtlich deines Wohlbefindens zu erzielen sind. Zwar wollen alle Bedürfnisse gesehen und genährt werden, denn alle Bedürfnisse sind gleichwertig und wichtig. Aber wenn bei manchen schon kleinste Veränderungen große Auswirkungen zeigen, dann lohnt es sich, gezielt dort als allererstes anzusetzen und gezielt Strategien zu wählen, die gerade auf diese Bedürfnisse einzahlen

2. Mich selbst verstehen

Manchmal verstehen wir uns selbst nicht. Wir tun Dinge, die wir im Nachhinein bedauern – die vielleicht sogar unseren Werten widersprechen. Möglicherweise tun wir das, weil eines unserer TOP-Bedürfnisse betroffen ist. Wenn wir diese (oft gar nicht so präsenten und offensichtlichen) TOP-Bedürfnisse auf dem Schirm haben und gezielt fragen „Geht es hier vielleicht um [TOP-Bedürfnis]?“, dann verstehen wir uns selbst besser und können uns nach alternativen Strategien umschauen.

3. Entscheidungshilfe

Stecken wir in einem Dilemma, haben wir einen inneren Konflikt, müssen wir eine Entscheidung treffen? Dann hilft es, die verschiedenen Optionen bewusst in Hinblick auf die TOP-Bedürfnisse abzuklopfen: welche der zur Wahl stehenden Strategien zahlt auf ein TOP-Bedürfnis ein bzw. welche der Möglichkeiten bringt ein TOP-Bedürfnisse in Mangel? Fülle und Mangel sind gerade bei den TOP-Bedürfnissen entscheidend für unser Wohlbefinden. Deshalb sind bei der Entscheidung die TOP-Bedürfnisse (ge)wichtiger als die sonstigen Bedürfnisse.

4. Gezielte Alltagsgestaltung

Kennen wir unsere TOP-Bedürfnisse, dann können wir unseren Alltag gezielt so gestalten, dass sie möglichst häufig genährt werden. Wir können gezielt wiederkehrende Handlungen in unseren Tagesablauf einbauen, die uns gut tun. Nun wissen wir, welche Handlungen uns ganz besonders gut tun – hier können wir die größten Effekte erzielen.

5. Anderen helfen, uns zu verstehen

Wenn wir unsere TOP-Bedürfnisse kennen, dann können wir anderen Menschen um uns herum genauer mitteilen, was uns gut tut und warum. Wir können unsere Dankbarkeit und Wertschätzung präziser ausdrücken, ebenso unseren Frust, unseren Schmerz und unsere Trauer. Wenn wir Menschen dazu einladen wollen, etwas zu tun, das unser Leben bereichert, dann können wir immer zuerst unsere TOP-Bedürfnisse überprüfen. Bei diesen Bedürfnissen können andere schon mit „Kleinigkeiten“ Großes bewirken.

Und ist es nicht ein Geschenk, wenn ich weiß, wie ich schon mit wenig Aufwand und Mühe spürbar zum Wohlbefinden eines anderen Menschen beitragen kann?

Bei manchen Bedürfnissen lohnt es sich, ihnen den Vorrang zu geben.

Wie erkenne ich meine TOP-Bedürfnisse?

Wenn es in konkreten Situationen darum geht, den eigenen, zu diesem Zeitpunkt lebendigen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Birthe und ich haben dazu ein Workbook entwickelt, das durch diesen Prozess führt und begleitet.

Wenn es allerdings darum geht, die derzeit grundsätzlich wichtigsten Bedürfnisse herauszufinden, empfehle ich eine Selbstbeobachtung über einen längeren Zeitraum hinweg. Dinge, über die wir uns immer wieder ärgern, Situationen, die uns regelmäßig in emotionale Not bringen, der innere Kritiker usw. sagen viel darüber aus, welche Bedürfnisse mehr ins Gewicht fallen als andere.

Was du tun kannst, wenn du deine TOP-Bedürfnisse identifiziert hast – Praxistipps

Wir haben da ein kleines Werkzeug für dich vorbereitet: das „Bedürfnisregal“.
Eine Vorlage inkl. Anleitung dazu kannst du hier herunterladen.

Wenn du magst kannst du die Bedürfnisgefäße auch ganz real füllen und ins Regal stellen.
Eine Vase, gefüllt mit getrockneten Erbsen.
Ein Joghurtglas mit roten Linsen.
Ein Trinkglas mit weißen Bohnen….

Diese Idee könnte besonders dann interessant sein, wenn du deine Kinder oder deinen Partner an deinem Prozess teilhaben lassen und über das Thema TOP-Bedürfnisse gern in den Austausch kommen möchtest.

Das allabendliche Reflektieren und anschließende Entleeren oder Auffüllen der Gefäße lässt sich übrigens ganz wunderbar kombinieren mit dem „Feiern-und-Bedauern-Ritual“. So könnt ihr einander mitteilen, was im Laufe des Tages dazu beigetragen hat, dass das Gefäß voller oder leerer wurde.

Und jetzt? Bist du dran!

Wir wünschen eine erkenntnisreiche Anwendung der Übungen und viel Freude und Verbindung beim Austausch mit dir selbst und anderen.

Und wir würden uns total freuen, wenn du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt:
Bist du deinen Top-Bedürfnissen auf die Spur gekommen?
Arbeitest du mit dem Bedürfnisregal?
Was sagt deine Familie dazu?

Schreib uns gern einen Kommentar hier unter den Artikel!

close

Willst du an Bord kommen?

Für mehr Klarheit, Verbindung und Empathie - wir schicken dir wöchentlich unsere Flaschenpost.

Unser Newsletter informiert dich über Themen rund um die (Gewaltfreie) Kommunikation in der Familie. Er kann Werbung enthalten. Weitere Informationen findest du in unseren Datenschutzbestimmungen. Du kannst dich selbstverständlich jederzeit wieder abmelden.

3 Kommentare

  1. Ich habe zum Beispiel ein sehr starkes Bedürfnis nach Transparenz oder Klarheit.

    So reagiere ich auf Worte, als wären sie Wasser. Manche sind schön frisch unf klar, sie erzeugen Frische und Transparenz auch in mir. Manche Worte sind grau und trüb. Und ich fühle im Hören Betrübtheit und Desorientierung. Und manche Worte sind sogar ganz dunkel, es wird nebulös, undurchsichtig.
    Dann stellt sich auch im hören Verwirrung und Blockiertheit ein. Ich verliere Energie und Kreativität.

    Deswegen gefällt mir die Metapher Leuchtturm. Helligkeit um Transparenz auch im Nebel und Dunkelheituum zur besseren Orientierung zu erzeugen.

    Ein Beispiel. Das Wort Gewaltfrei ist trüb. Trüb weil bereits die Gewalt drin steckt, doch noch hell, weil frei enthalten ist. Befried(ig)ende Kommunikation wäre viel klarer für mich. Gewaltfrei kann gleichzeitig so bleiben, weil es ein gutes Beispiel für diese Wirkung von Worten ist und es ja besprochen werden kann.

    Ich bin Synästetikerin und Farben und Klänge und Gefühle sind nah beieinander.

    Anderes Beispiel
    Ihr schreibt an manchen Stellen Bedürfnissen auf die „Schliche“ kommen. Als ob es ein Verbrecher wäre, der nicht gefunden werden wollte.😉 Da steckt daher auch Trübheit drin. Das Bedürfnis will gefunden werden, ist vielleicht noch fragil oder aber verschüttet…. Auf die Spur kommen oder freilegen wie in der Archäologie ist klarer und weckt Erkundungslust.

    Das eine Wort erzeugt in mir Unruhe, das andere Ruhe. Daher weiß ich, dass das zweite mein Bedürfnis nach Klarheit und Transparenz in diesem Zusammenhang besser erfüllt.

    Worte sind für mich Werkzeuge, je besser die Auswahl und der geschickte Gebrauch, je besser das Ergebnis als befriedigende Wirkung zur. Und das kann gut in Form von Befriedung nach außen und Befriedigung nach innen gespürt werden.

    Darum geht es.

    • Hey,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Sicht der Dinge. Ich fand es persönlich unglaublich spannend zu lesen, wie Worte auf Dich wirken. Ich kann Deine Ausführungen auch komplett nachvollziehen. „Gewaltfrei“ ist auch nicht der Favorit von Verena und mir, wir nutzen gerne „achtsame Kommunikation“ oder „wertschätzende Kommunikation“ – und gleichzeitig wollen wir Marshall Rosenberg und seine Arbeit würdigen, der diesen Begriff ja ganz klar geprägt hat.

      Geschmunzelt habe ich bei Deinem Einwand, Bedürfnissen „auf die Schliche“ kommen, habe etwas trübes. Unser Workbook heißt ja „Bedürfnisse – wie du ihnen auf die Spur kommst“. Den Titel habe ich (Birthe) final so gewählt, weil es mir auch besser gefiel als „auf die Schliche kommen“. Ich hätte Dir gar nicht sagen können, warum und habe nun einen Anhaltspunkt. Vielen Dank dafür!

      Vielleicht mag Verena ja hier auch mal schreiben, warum sie letztere Formulierung gewählt hat.

      Liebe Grüße,
      Birthe

  2. PS, es sind mir im kleinen Display des Handys beim Schreiben ein paar Schreibfehler durchgeschlüpft 🤪. Bitte seid so frei und korrigiert es, so es den Sinn verdunkelt 🙏

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.