Ist das überhaupt mein Problem?

Foto von Andrea Piacquadio

Eltern sind Menschen, keine Gottheiten. Bääm! Als ich diesen Satz bei Thomas Gordon das erste Mal gelesen habe, war ich so erleichtert. Ich brauche mich also nicht permanent schuldig fühlen, wenn ich Dinge, die mein Kind tut, auch mal richtig doof finde? Wenn ich nicht jeden Tag gleich geduldig, ruhig, verständnisvoll und fröhlich bin? Also nicht gleich annehmend meinem Kind gegenüber? Wie großartig!

Damit du mir glaubst, welche Veränderungen dieser Satz und ein dazugehöriger Kurs vor einigen Jahren bei mir ins Rollen gebracht haben, habe ich hier Folgendes aufgeschrieben:

1. Warum es so hilfreich ist, deinen persönlichen „Kein-Problem-Bereich“ zu kennen (und zu erweitern).
2. Warum es so entscheidend sein kann zu wissen, wer das Problem „besitzt“.
3. Welche Werkzeuge ich sowohl für die eine Situation (Mein Kind besitzt das Problem.) als auch die andere (Ich besitze das Problem.) nutzen kann.

Klingt gerade noch etwas verwirrend oder theoretisch für dich? Dann lass‘ es mich noch einfacher sagen: Wie du es schaffst, ohne schlechtes Gewissen du selbst zu sein. Während dein Kind gleichzeitig sein darf, wie es ist. Und es dann auch noch allen gut damit geht.

Hand aufs Herz: Wie viel von dem Verhalten deines Kindes kannst du voll und ganz annehmen?

Wenn ich meine alten Kursunterlagen durchschaue, dann schäme ich mich fast ein wenig. Denn mich haben damals ziemlich viele Dinge an meinen Kindern gestört. Thomas Gordon verwendet in seinem Buch „Familienkonferenz“ für diese Bestandsaufnahme ein einfaches Diagramm: In einem Viereck, das alle Verhaltensweisen des Kindes beinhaltet, befindet sich unten der Bereich der „Nicht-Annahme“ und oben der Bereich der „Annahme“. Je nachdem wo die Linie verläuft, die diese beiden Bereiche trennt, liegt meine ganz persönliche „Annahmelinie“.  Meine, du ahnst es schon, verlief ziemlich weit oben. Es gab also einen eher kleinen Bereich, in den ich Verhaltensweisen einsortierte, die ich an meinem Kind gut annehmen konnte und einen ziemlich großen, in den ich Verhalten einordnete, was mir absolut missfiel. Ja, was ich gerne ändern bzw. „wegerziehen“ wollte.

Im Zum Glück ist diese Annahmelinie nur eine Momentaufnahme. Sie hebt und senkt sich. Drei Dinge haben darauf einen Einfluss:

1. Die Umgebung: Nehmen wir zum Beispiel an, dein Kind spielt Fußball. Macht es das mitten im Wohnzimmer und zielt haarscharf an Fernseher und Stehlampe vorbei, dann wirst du das Verhalten vermutlich in den Bereich der „Nicht-Annahme“ einsortieren. Spielt es hingegen auf der Wiese, wo ausreichend Platz ist, ist „Fußball spielen“ eine annehmbare Verhaltensweise.

2. Einfluss des Kindes: Welche Erfahrungen habe ich bereits mit meinem Kind gemacht? Wie alt ist es? Ist es etwa ein sicherer Radfahrer, dann wird es viel eher in meinem Annahmebereich liegen, wenn es auf der Straße fährt. Ist es generell noch sehr verspielt und achtet wenig auf seine Umgebung, dann wird dieselbe Tätigkeit für mich schwer annehmbar sein.

3. Eigener Einfluss: Wie geht es mir selbst gerade physisch und psychisch? Wenn ich müde bin, dann wird mich ein laut singendes Kind eher stören, als wenn ich selbst fröhlich und ausgelassen bin.

Es braucht keine „elterliche Front“.

„Daher können Vater und Mutter nicht immer die gleichen Empfindungen im Hinblick auf dasselbe Verhalten ihres Kindes in einem bestimmten Augenblick haben“, schreibt dazu Thomas Gordon. Bin ich dann also inkonsequent, wenn ich heute so und morgen so handle? Oder ist es schädlich, wenn ich anders handle als mein Partner? Gordon sagt dazu ganz eindeutig: „Eltern brauchen keine geschlossene Front bilden.“  Ich stimme ihm zu, möchte jedoch ergänzen: Es macht durchaus Sinn, sich als Paar auf gemeinsame Werte als Richtschnur zu verständigen. Oder anders gesagt: Mindestens zu besprechen, wie ihr mit Wertekollisionen umgeht, wenn es um wirklich grundsätzliche Themen geht.

Wie annehmend ich bin, beruht auf meiner persönlichen Veranlagung und auch den Erfahrungen, die ich selbst als Kind gemacht habe. Da spielen wieder die eigenen Werte mit rein, aber auch Glaubenssätze („Das tut man nicht.“ „Ich muss dies und jenes.“). Menschen mit einer hohen Toleranzschwelle ihren Kindern und auch anderen Menschen gegenüber sind laut Gordon meist die, die sich selbst mögen. Umgekehrt gibt es auch Menschen, die sehr ausgeprägte und strenge Ansichten darüber haben, wie andere sich verhalten sollen, was falsch und was richtig ist. Diese Menschen sind meist ihren Kindern gegenüber ebenfalls nicht sehr annehmend.

Wir sind ja hier unter uns: Solltest du festgestellt haben, dass du eher zur zweiten Gruppe zählst, dann sei ganz beruhigt: Die Beschäftigung mit der Gewaltfreien Kommunikation kann einen ganz entscheidenden Beitrag dazu leisten, annehmender zu werden. Also Frieden zu schließen. Mit sich selbst – und somit auch mit anderen.

Erkenne, wann du nicht annehmend bist. Und übernimm dafür Verantwortung.

Da wir ja gerade schon mal dabei sind uns hier „auszuziehen“: Kennst du Situationen, in denen du so getan hast, als wäre das Verhalten deines Kindes für dich völlig in Ordnung, doch innerlich hast du vor Wut gebrodelt? Also ich habe das früher sogar ziemlich oft getan. Ich glaube dir ist klar, dass der Schuss nach hinten los ging. Eine Sozialpädagogin hat mir da mal ein sehr treffendes Bild zu geschenkt: „Wenn Kinder ein freies Tor sehen, dann schießen sie.“ Was ich damit sagen will: Wann immer ich gemischte, schwammige Botschaften sende, suchen meine Kinder nach Klarheit. Kommt diese nicht von mir, dann übernehmen sie das eben, indem sie Tatsachen schaffen. (Die mir in den seltensten Fällen gefallen…).
Sende ich häufiger solche gemischten Botschaften an meine Kinder, dann kann das laut Thomas Gordon dazu führen, dass sich die Kinder ungeliebt fühlen. Sie werden unsicher, testen oft aus, wie weit sie gehen können, suchen regelrecht die Reibung. Bis sie eine klare Ansage erhalten. Puh. Nur ganz ehrlich: Die ist dann meist nicht mehr gewaltfrei. Es ist also durchaus sinnvoll, vorher zu schauen, wann meine persönlichen Grenzen erreicht sind.  Wenn ich (innerlich) ärgerlich, wütend, gereizt oder frustriert bin, dann sollte ich schauen, welche Bedürfnisse bei mir genährt werden wollen.

„Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass die Eltern mit denen Kinder am schwersten fertig werden, der freundlich sprechende, nachgiebige, keine Ansprüche stellende Elternteil ist, der so tut als sei er annehmend, aber auf eine subtile Art Nicht-Annahme spüren lässt.“

Thomas Gordon

Wer besitzt das Problem?

Ist das Verhalten deines Kindes für dich nicht annehmbar, befindet sich also unterhalb deiner persönlichen „Annahmelinie“, dann „besitzt“ du das Problem. Auf der anderen Seite gibt es auch Verhaltensweisen deines Kindes, die für dich selbst annehmbar sind, und dich gleichzeitig darauf hinweisen, dass das Kind ein Problem hat.

Thomas Gordon unterscheidet drei Fälle:

1. Das Kind besitzt das Problem, weil es an der Befriedigung seiner Bedürfnisse gehindert wird. Die Situation ist kein Problem für den Elternteil, weil das Verhalten des Kindes den Elternteil bei der Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse auf keine greifbare Weise beeinträchtigt. Ein Beispiel wäre, wenn dein Kind aus der Schule nach Hause kommt und weinend erzählt: „Die Lisa ist total doof zur mir. Die ist nicht mehr meine Freundin.“

2. Es gibt kein Problem. Das Kind befriedigt seine eigenen Bedürfnisse (Es wird nicht daran gehindert.) und sein Verhalten beeinträchtigt nicht die Bedürfnisse des Elternteils.

3. Du besitzt das Problem. Dein Kind befriedigt seine eigenen Bedürfnisse, aber sein Verhalten beeinträchtigt die Befriedigung deiner eigenen Bedürfnisse. Ein Beispiel: Du möchtest ein Buch lesen, dein Kind klettert auf deinen Schoß und zupft an dir und ruft: „Mama, ich will jetzt sofort mit dir spielen.“

Je nachdem, wer das Problem besitzt, sind andere Fähigkeiten und Werkzeuge hilfreich.

Bevor wir uns den Problemen zuwenden, noch ein paar Worte zum „Kein-Problem-Bereich“. Du kannst nämlich gerade diesen dazu nutzen, deinem Kind zu zeigen, dass du es annimmst wie es ist. Das stärkt sein Selbstwertgefühl und festigt eure Beziehung. Thomas Gordon hat vier Wege identifiziert, wie du deinem Kind deine Annahme übermitteln kannst.

1. Wortlos: mit ihm zugewandten Gesten wie Nicken, Lächeln, Blickkontakt etc.

2. Nichteinmischung: Wenn dein Kind etwas tut und du bleibst abseits, dann signalisiert es ihm, dass du ihm vertraust und du annimmst, was es da tut.

3. Passives Zuhören: Nichts sagen kann ein Gefühl aufrichtiger Anteilnahme und Annahme vermitteln (dazu bald mehr in unserem GFK-Lexikon).

4. Aktives Zuhören: Die Tür zum Sprechen öffnen und halten (auch dazu bald mehr in unserem GFK-Lexikon).

Aktives Zuhören ist ebenfalls angebracht und hilfreich, wenn das Kind das Problem besitzt. Es hilft dem Kind, Lösungen für seine eigenen Probleme zu finden. Zudem hilft es deinem Kind, seinen Empfindungen über eine Situation Ausdruck zu verleihen, sie loszuwerden, sich angenommen zu fühlen. Also, was ist nun dieses Zaubermittel? Vielleicht kennst du ja den Ausdruck des „Spiegelns“. Das meint etwas ganz Ähnliches. Du versuchst bei den Erzählungen deines Kindes, die tiefer liegenden Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen, und dem Kind darüber eine Rückmeldung zu geben. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Denn für erfolgreiches aktives Zuhören ist es wichtig, dass du ganz und gar bei dem anderen bist, also völlig präsent, und ihn gleichzeitig in seiner Eigenständigkeit siehst. Also du mit der Haltung zuhörst: Es geht hier jetzt nicht um mich. Ich kann jede Lösung akzeptieren, die mein Kind für sich selbst findet.

Und das ist auch der Grund, warum laut Gordon aktives Zuhören NICHT hilft, wenn du im Problembesitz bist, also das Verhalten deines Kindes gegenläufig zu deinen eigenen Bedürfnissen oder Werten ist. Wir werden bald noch einmal in einem eigenen Artikel erläutern, wie aktives Zuhören gelingen kann und welche Stolpersteine es gibt.

Bist also du als Elternteil im Problembesitz, dann gibt es Gordon zufolge drei Möglichkeiten:

1. Du kannst versuchen, das Verhalten deines Kindes zu modifizieren.
2. Du kannst versuchen, die Umwelt oder die Rahmenbedingungen zu modifizieren.
3. Du kannst versuchen, dein eigenes Verhalten zu modifizieren.

Bist du im Problembesitz?
Dann sende klare Ich-Botschaften!

Der Weg, den Thoms Gordon vor allem für den ersten Punkt vorschlägt, sind verschiedenste Ich-Botschaften. Beschreibe die Wirkung des Verhaltens deines Kindes auf dich bzw. nenne die Gefühle und Bedürfnisse, die dadurch ausgelöst werden. Bis hierhin ist das genau das gleiche, was du auch bei Rosenberg, also in der Gewaltfreien Kommunikation, lernst. Nun kommt ein meines Erachtens deutlicher Unterschied: Gordon geht davon aus, dass es für das Kind leichter ist, eine Ich-Botschaft zu hören, wenn wir keinen Lösungsvorschlag machen (was in der GFK die „Bitte“ wäre). Aus meiner Erfahrung würde ich sagen: Es kommt sehr auf die Situation an. Manchmal ist es gerade die konkrete Bitte, die es dem Kind leichter macht, zu kooperieren.

Glasklar sind dann allerdings wieder beide darin, dass es auf die Freiwilligkeit ankommt. Dein Kind will gerne dazu beitragen, dass es dir gut geht. Das ist die Grundüberzeugung. Dies wird es umso lieber tun, wenn es weiß, dass du es und seine Bedürfnisse und Gefühle ebenfalls annimmst. Vielleicht hast du im Zusammenhang mit der GFK auch schon von so genannten „Kommunikationssperren“ gehört. Thomas Gordon benennt zwölf unterschiedliche. Dazu erscheint am Sonntag ein Artikel im GFK-Lexikon. Allen Kommunikationssperren gemeinsam ist, dass sie dem Kind Nichtannahme übermitteln: Durch Belehren, Befehlen, Beschwichtigen, Ablenken, Diagnostizieren usw.

Sie tragen dazu bei, dass wir aus der Verbindung zu unserem Kind fliegen – oder wir gar nicht erst eine Verbindung herstellen können. Achte doch im Alltag mal darauf, wie oft zu deinem Kind Sätze sagst, die zu den Kommunikationssperren zählen. Ich erwische mich dabei oft genug. Auch wenn ich seit Jahren trainiere, diese zu vermeiden.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Als ich mich für den Text seit längerem mal wieder intensiver mit Thomas Gordons „Familienkonferenz“ beschäftigt habe, kam es mir so vor, als hätte ich einen fast vergessenen Schatz gehoben. Gordon war die erste längere Station auf meiner Reise zu einer anderen Qualität von Verbindung und Beziehung statt Erziehung. Dafür bin ich Cordula Meier sehr dankbar, die ich auf diesem Wege ganz lieb grüßen möchte.

Womit hat deine Reise begonnen? Oder beginnt sie gerade erst?
Schreib es uns gerne in die Kommentare.

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2 Kommentare

  1. Cordula Meier (Familientrainerin nach Thomas Gordon)

    Liebe Birthe,
    Ich danke dir für deine lieben Worte an mich….
    Es ist schön zu wissen, dass du so viel Positives aus dem Elterntraining nach Thomas Gordon gewinnen konntest. Du bist deinen Weg weitergegangen und schreibst nun Texte, die ans Herz gehen….und die täglichen Höhen und Tiefen im Zusammenleben mit Kindern wiederspiegeln.
    Ich bin begeistert von euren Texten und lese wirklich jeden sehr gerne.
    Ich werde auch den Weg mit dem Familientraining nach Gordon weitergehen, weil ich auch noch nach so vielen Jahren zurückblickend sagen kann, es hat sich gelohnt….
    Ich freue mich schon darauf mehr von euch zu hören,
    Eure Cordula

    • Liebe Cordula,
      uih, da habe ich mich sehr gefreut, als ich heute Morgen Deinen Kommentar entdeckt habe. Und umso mehr, dass Du weitermachen wirst mit dem Familientraining. Wir haben da die gleiche Mission. Und wenn es uns nur gelingt, einer Handvoll Menschen diesen wundervollen Samen mitzugeben, dann bin ich ganz sicher, dass sich das alles immer weiter verteilen wird und es eine absolut sinnstiftende Arbeit ist. Für uns selbst UND für andere. Falls Du mal wieder einen neuen Kurs anbieten solltest, dann lass‘ es uns doch gerne wissen. Dann können wir darauf aufmerksam machen. Die Gordon-Trainer sind ja inzwischen rar.
      Liebe Grüße und bis bald (hoffentlich mal wieder in live),
      Birthe

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