Selbstempathie – Wie bringt mich das weiter?

Im dritten und vierten Teil dieser Artikelserie haben wir uns das erste Etappenziel angeschaut: innere Klarheit erlangen. In diesem fünften und letzten Teil der Artikelserie „Selbstempathie“ geht es um das zweite Etappenziel: Verantwortung übernehmen, Strategien entwickeln, handlungsfähig bleiben. Wenn wir also nun all unseren erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen auf die Spur gekommen sind – was machen wir dann damit? Wir sind nun in einer herausfordernden Situation, in der eine ganze Menge Bedürfnisse zu kurz kommen (oder wo wir befürchten, sie könnten zu kurz kommen). Was hilft es mir zu wissen was da zu kurz kommt? Die Situation kann ich ja doch nicht ändern – es ist wie es ist, oder?

Ich bin für die Erfüllung meiner Bedürfnisse verantwortlich

Die Gewaltfreie Kommunikation basiert auf einer weiteren Grundannahme. Diese lautet: Bedürfnisse lassen sich mit (unendlich) vielen unterschiedlichen Strategien erfüllen. Das Menschenbild der GFK sagt: niemand anderes außer mir selbst ist für die Erfüllung meiner Bedürfnisse verantwortlich. Nun geht es also darum, in egal welcher Situation herauszufinden, wie ich mir ein möglicherweise in Mangel geratenes Bedürfnis auf andere Art und Weise erfüllen kann. Wie ich selber dafür sorgen kann, dass es erfüllt wird.

Nehmen wir wieder das Beispiel aus dem letzten Artikel: Die Schulen sind während der Corona-Krise geschlossen, die Kinder den ganzen Tag zu Hause und ich habe einen Sack voll unerfüllter Bedürfnisse – beziehungsweise zunächst einmal ganz viele Sorgen und Ängste und den Gedanken, die Bedürfnisse könnten zu kurz kommen. Nun folgt eine praktische Übung. Ich nehme das Bedürfnis und überlege mir mindestens fünf verschiedene Strategien, mit denen ich mir das Bedürfnis auch während der Corona-Krise noch erfüllen könnte. Wir können dazu Mindmaps anlegen oder eine „Bedürfnis-Sonne“ basteln: Das Bedürfnis kommt in die Mitte und jeder Sonnenstrahl ist eine mögliche Erfüllungsstrategie.

Bedürfnis: Raum für mich, Freiheit

Strategien:

  1. Spaziergang (ohne oder mit Kindern) machen.
  2. Den Partner bitten, die Kinder in einem anderen Raum zu betreuen.
  3. Schlafzimmer ändern: während der Krise schlafen zwei Kinder in einem Zimmer, das freie Kinderzimmer wird vorübergehend zum Mama-Zimmer.
  4. Regulierung der Bildschirmmedien aufweichen: eine Stunde mehr Fernsehen am Tag, das bringt freie Zeit für mich.
  5. Mir wie ein Tagesprotokoll auf einem Zettel notieren, wo überall im Alltag ich Raum für mich habe oder das Gefühl von Freiheit habe (tatsächlich gibt es das – bei mir zum Beispiel wenn ich koche, wenn ich aufs Klo gehe, wenn ich dusche, …) und alles Geschriebene abends wertschätzen und feiern.
  6. Aufs Klo gehen und die Tür abschließen, wenn mir alles zu viel wird.
  7. Ich stehe eine Stunde vor den Kindern auf und genieße die Zeit für mich.

Anderes Beispiel: ich habe die Befürchtung, wegen der Aufmerksamkeit, die meine Kinder nun von mir fordern, nicht mehr wie gewohnt arbeiten zu können, was möglicherweise zu Qualitätseinbußen und fehlender Zuverlässigkeit und in der Folge zu Auftragsverlusten führen könnte.

Bedürfnisse: Kontinuität, Professionalität, wirtschaftliche Sicherheit, Vertrauen

Strategien:

  1. Ich kann all meine Kunden informieren und sie fragen, ob es gerade für sie okay ist, wenn ich eine Pause mache.
  2. Ich kann mit meinen Kunden verhandeln, mit ihnen gemeinsam einen Weg entwickeln, mit der Situation umzugehen.
  3. Ich steige um auf Online-Medien und verlagere die analoge Arbeit in die digitale Welt.
  4. Ich arbeite gemeinsam / im Beisein meiner Kinder; lasse meine Kinder mitmachen.
  5. Ich ändere meine Arbeit und mache etwas Anderes – etwas, das in dieser Situation auch mit den Kindern gut machbar ist.
  6. Ich bestelle mir Kopfhörer und lasse die Kinder CD hören oder Filme schauen, während ich arbeite.
  7. Ich stehe eine Stunde früher auf und arbeite vorm Frühstück.

Meiner Erfahrung nach können oft nicht alle Bedürfnisse gleichzeitig erfüllt werden. Gleichzeitig erlebe ich oft genug, dass ein und dieselbe Strategie (z.B. früher aufstehen) gleich mehrere Bedürfnisse erfüllt. Meist ist es schon total hilfreich, Klarheit über die Bedürfnisse zu haben, und oft ist es für mich ausreichend zu erleben wie ich selbst dafür sorgen kann, dass wenigstens ein oder zwei Bedürfnisse aus meiner eigenen Kraft heraus erfüllt werden können. Ich erlebe mich selbst als handlungsfähig und bin raus aus der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dann folgt eine für mich positive Kettenreaktion: ich fühle mich kraftvoller, kann weitere Strategien entwickeln und umsetzen, gewinne mehr Energie, bin entspannter, kann andere unerfüllte Bedürfnisse besser aushalten…

Wozu ist Selbstempathie also gut? Sie ist dazu geeignet, mich wieder in meine eigene Kraft zu bringen. Sie hilft mir zurück in meine Handlungsfähigkeit. Sie lässt mich Dinge wertschätzen. Sie verhilft mir zu mehr Verbindung mit mir selbst. Und welche Erfahrungen habt Ihr gemacht mit Selbsteinfühlung und Selbstklärung? Lasst gern einen Erfahrungsbericht unten in den Kommentaren oder auf unserer Facebook-Seite.

Teile diesen Beitrag!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.