„Ich bin eine schlechte Mutter“ – Wie du konstruktiv mit Schuldgefühlen umgehst

Wir Eltern von heute haben ein Problem: Wir wissen so viel darüber, was unserem Kind in seiner Entwicklung schaden könnte. Wir hören von allen Seiten, was es wirklich braucht um psychisch gesund zu bleiben. Und was wir stattdessen NIE zu ihm sagen dürfen.

Gleichzeitig haben die wenigsten von uns gelernt, wie wir mit unseren eigenen, teils heftigen Gefühlen umgehen können. Wir gehen über unsere eigenen Grenzen hinweg, sehen alle Bedürfnisse des Kindes – und vergessen darüber oft unsere eigenen.

Bis es dann irgendwann knallt. Wir schreien rum. Packen unser Kind fester an als wir es wollen. Verlassen schnaubend und Türen knallend den Raum. Sagen und tun Dinge, die wir hinterher bitterlich bereuen.

Puh. Und wenn dann die Wut verraucht ist, der Puls wieder im Normalbereich liegt, dann schlägt ihre große Stunde: die der Schuldgefühle.

„Ich bin eine schlechte Mutter!“
„Ich hätte das nicht tun sollen.“
„Warum schaffe ich es nicht einmal ruhig zu bleiben?“
„Ich schäme mich so.“

Ich wage mal zu behaupten: Jede von uns kennt dieses Gefühl.

Wie gehst du mit dir selbst um?

Oder wie ist das bei dir, wenn du etwas getan hast, was nicht deinen Werten entspricht? Wenn du eigentlich friedvoll mit deinem Kind sein willst, und nun hat es nicht geklappt? Mal wieder.

Beschuldigst du dich? Klagst du dich an?
Versuchst du dich zu rechtfertigen?
Wehrst du die Verantwortung ab?
Beschuldigst du andere, um deine eigenen Schuldgefühle zu schmälern?

Und hilft dir irgendetwas davon wirklich weiter? Nein? Die Gewaltfreie Kommunikation zeigt uns einen Weg, durch den wir etwas aus der verunglückten Situation lernen können. Oder wie es Marshall B. Rosenberg geschrieben hat: Fehler zeigen uns unsere Grenzen und damit Wachstumschancen auf.

Wir stellen dir in diesem Text einen Prozess aus der GFK vor, den Rosenberg „Die Mediation zwischen Innerem Lehrer und Innerem Entscheider“ nannte. Ich habe diesen während meiner Grundausbildung bei Wiltraud Terlinden kennengelernt und war zutiefst von der Wirkung beeindruckt. Sie hält bis heute an. Ich konnte einen großen Rucksack an Schuldgefühlen im Zusammenhang mit einem meiner Kinder dauerhaft ablegen.

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Foto: freestocks.org/Pexels.com

Selbstempathie statt Selbsthass

Gerade die Sozialen Medien und die scheinbar so heile Welt bei allen anderen (nur nicht bei uns) lösen schnell Schamgefühle aus. Natürlich wollen wir unserem Kind liebevoll und empathisch begegnen. Jedoch: „Wenn wir innerlich gewalttätig mit uns selbst umgehen, dann ist es schwierig auf andere von Herzen empathisch zu reagieren.“ (Marshall Rosenberg) Und Scham ist für Rosenberg eine Form von Selbsthass. Ebenso wie moralische Abwertungen und Selbstverurteilungen. Sie verschleiern laut Rosenberg das Potential, das in uns ruht, Dinge anders anzupacken. Zudem halten sie den Zustand von Selbsthass aufrecht.

Daher ist der erste wichtige Schritt, selbstverurteilende Gedanken zu erkennen und sie in Gefühle und Bedürfnisse zu übersetzen. Wie das gehen kann, beschreibt der nun folgende Prozess.

„Die Natur hat uns nicht ohne Grund mit diesen Gefühlen ausgestattet: Sie motivieren uns zu handeln, uns das zu erfüllen, was wir brauchen und was uns wichtig ist.“

Marshall B. Rosenberg

Schritt 1: Den Inneren Lehrer willkommen heißen

Übernimm die volle Verantwortung für dein Handeln oder für das, was du gesagt hast. Lausche dann den Stimmen, die in dir auftauchen. Rosenberg hat diese „innere Instanz“ manchmal den „Inneren Lehrer“ (inner teachter / inner educator) genannt. Dieser Lehrer macht uns darauf aufmerksam, dass unsere Handlung nicht mit unseren Bedürfnissen oder Werten im Einklang steht oder stand.

Wer sich schon ein wenig mit der GFK beschäftigt hat, dem dürfte bekannt vorkommen, was nun folgt: Versuche deine Gedanken in Bedürfnisse zu übersetzen.

Was fühlst du, wenn solche Gedanken in dir auftauchen?
Welche Bedürfnisse blieben bei dem, was du gesagt oder getan hast, unerfüllt?
Spüre jedem einzelnen Bedürfnis nach. Wie fühlst du dich, wenn es unerfüllt ist?

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Foto: Karolina Grabowska / Pexels.com

Schritt 2: Bedauern

Bei mir war es damals so, als wäre ein Damm gebrochen. Gefühle, die ich sonst sorgfältig verschlossen halte, bahnten sich ihren Weg. Zu erkennen, wie sich unser Verhalten gegen unsere Bedürfnisse und Werte gerichtet hat, kann sehr schmerzhaft sein. Rosenberg: „Es ist ein Prozess des Bedauerns, jedoch eines Bedauerns, das uns darin unterstützt, aus dem, was wir getan haben, zu lernen, ohne uns Vorwürfe zu machen oder uns zu hassen.“

Schritt 3: Den Inneren Entscheider willkommen heißen

Warum hast du so gehandelt, wie du gehandelt hast? Obwohl es gegen deine Werte und Bedürfnisse war? Um das zu verstehen, stellt Rosenberg dem Inneren Lehrer den Inneren Entscheider gegenüber. Er ist es, der in Stresssituationen schnell zu reagieren vermag. Dafür greift er auf ein altbewährtes Repertoire zurück. Manche der Strategien stammen noch aus unserer eigenen Kindheit. Er ist eine Art „Autopilot“, der dann einsetzt, wenn es darum geht, schnell ein in diesem Moment unglaublich wichtiges Bedürfnis zu erfüllen.

Frage dich also: Für welches Bedürfnis wollte dein Innerer Entscheider durch diese Handlung möglicherweise sorgen?
Warst du sehr in Not und brauchtest dringend Ruhe oder Wirksamkeit?

Versuche den Inneren Entscheider wortwörtlich willkommen zu heißen und seine guten Absichten anzuerkennen und wertzuschätzen.

Als ich mithilfe meiner Begleiterin diese Bedürfnisse identifiziert und benannt hatte, konnte ich schon die erste Versöhnung spüren. Mit mir und mit meiner Handlung. Doch natürlich schweigen die kritischen Stimmen nicht so schnell. Daher braucht es einen weiteren Schritt.

Schritt 4: Die Mediation zwischen Inneren Lehrer und Innerem Entscheider

Gehe noch einmal zurück zu der Situation und der Handlung, für die du dich nun schämst oder die in dir Schuldgefühle auslöst. Stelle dich so bildlich wie es geht in dieser Situation vor und versuche eine Handlung zu entwerfen, die den Bedürfnissen beider Seiten gerecht wird: der des  Inneren Lehrer und der des Inneren Entscheiders.

Was für Ideen hast du zu einer neuen Handlung?
Stelle dir alles so genau wie nur möglich vor.
Was siehst du? Was hörst du? Was fühlst du?
Wie geht es dir jetzt?

„Selbstvergebung geschieht in dem Augenblick, in dem diese empathische Verbindung hergestellt ist. Denn dann können wir erkennen, wie unsere Handlungsentscheidung dem Leben dienen wollte. Gleichzeitig macht uns der Trauerprozess deutlich, wo es nicht gelungen ist, dem Leben zu dienen.“

Marshall B. Rosenberg

Das Entscheidende ist dieser empathische Kontakt mit beiden Teilen in uns: mit dem Teil, der die geschehene Handlung bedauert, und mit dem Teil, der gehandelt hat. So kannst du dich nicht nur mit dir selbst „aussöhnen“ sondern auch für dein zukünftiges Handeln lernen.

Zusammenfassung

Rosenberg hatte den Gedanken, dass es eine Instanz in uns gibt, die manchmal sehr schnell Entscheidungen trifft und eine andere, die uns durch Scham und Schuld sowie selbstverurteilende Gedanken darauf aufmerksam macht, wenn eine Handlung nicht im Einklang mit unseren Bedürfnissen steht oder stand. Dazu noch einmal Marshall B. Rosenberg: „Wenn wir Fehler machen, können wir mithilfe des GFK-Trauerprozesses und mit der Selbstvergebung erkennen, wo unsere Wachstumschancen liegen, anstatt uns in moralische Selbstabwertungen zu verstricken.“

Lust, mal genauer hinzuschauen?

Gibt es in deiner Elternschaft Dinge, für die du dich schämst? Möchtest du diesen gerne einmal auf den Grund gehen, diese bedauern und schauen, wie du die Situation in Zukunft anders lösen könntest? Dann ist vielleicht unser Workshop etwas für dich. Gerne begleiten wir dich auch in einem Einzelcoaching. Schreib uns einfach eine Mail.

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