Eigene Grenzen erkennen und kommunizieren

Bis hierhin und nicht weiter! Klingt das bedrohlich für dich? Kommen da Erinnerungen aus deiner eigenen Kindheit hoch? Erinnerungen an einen Erwachsenen, der dich vielleicht am Arm gepackt, weggetragen oder geschoben hat, um klar und deutlich zu machen: Hier ist eine Grenze überschritten!

Oder klingt das für dich eher angenehm, also ganz klar und aufgeräumt, vielleicht auch wirksam? Weil du vielleicht schon in deiner Kindheit erfahren hast, dass dein „Stopp“ oder dein „Nein“ zählt? Dass es nicht übergangen wird?

Grenzen an sich sind erstmal nichts Schlechtes! Wir alle haben Grenzen, also „Rote Linien“, bei denen wir uns unwohl fühlen, wenn diese von uns oder anderen überschritten werden. Und gleichzeitig weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung und aus der Arbeit mit Eltern, dass gerade Frauen oft ein Problem damit haben 1. ihre eigenen Grenzen zu erkennen und diese 2. auch klar zu kommunizieren. Auf diesen beiden Aspekten liegt der Schwerpunkt des Textes.

Wozu brauchen wir Grenzen?

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Gewaltfreie Kommunikation ist kein Freifahrtschein für jegliches Verhalten deines Kindes (gilt natürlich auch für Erwachsene!). Und das ist einer der erheblichen Unterschiede zwischen Gewaltfreier Kommunikation und Laissez-Faire, bei dem das Kind alles machen kann, was es will.

Ich finde hier die Definition des Philosophen Immanuel Kant sehr hilfreich: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“ Soll bedeuten: Geraten durch das Handeln deines Kindes deine eigenen Bedürfnisse in Mangel, dann ist es absolut wichtig, dies auch klar und gleichzeitig wertschätzend zu kommunizieren.

Dein Kind braucht deine Rückmeldung! Zumal es den Perspektivwechsel erst mit der Zeit (ab etwa vier Jahren) lernt und zunächst ausschließlich von sich selbst ausgeht. Und mal ganz ehrlich: Selbst wenn wir sehr empathisch sind und uns gut in andere hineinversetzen können – wo genau die Grenze unseres Gegenübers liegt, können auch Erwachsene nur erahnen und nie sicher wissen. Auch sie brauchen daher eindeutige Signale, wann eine Grenze von uns überschritten ist. Zusätzlich sind wir noch die Anwälte und Anwältinnen unserer Kinder, wenn Fremde ihre Grenzen überschreiten und sie selbst dafür noch nicht eintreten können (zum Beispiel das Baby, was nicht bei Tante Erna auf den Arm möchte.)

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Jeder Mensch hat Grenzen. Diese sind sehr individuell und können sogar von Tag zu Tag erheblich variieren.
Foto: Mikael Blomkvist/Pexels.com

Grenzen dienen als Geländer

Wenn wir unsere Kinder also komplett alleine ans Ruder lassen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass immer wieder Bedürfnisse anderer Menschen (und auch der Kinder selbst) nicht berücksichtigt werden.

Indem wir als Eltern für uns und unsere Bedürfnisse einstehen, übernehmen wir Verantwortung für unsere Gefühle und unser Wohlbefinden und bieten den Kindern gleichzeitig ein Geländer (aus Werten) innerhalb dessen sie sich sicher bewegen können.

Dein Kind erhält dadurch viel Sicherheit und Orientierung. Denn es weiß dann, es muss keine Verantwortung für dich übernehmen. Denn es gibt durchaus Kinder, die zum Über-Kooperieren neigen, also sich zu viel anpassen und zu sehr darauf schauen, ob es allen gut geht.

Kinder lernen durch unser Vorbild. Wenn wir unsere eigenen, persönlichen Grenzen klar kommunizieren, dann lernen sie: Auch ich darf „Nein“ und „Stopp“ sagen – und werde gehört.

Wie du deine eigenen Grenzen erkennst

Leider haben gerade Frauen durch ihre Sozialisation zum Teil gar nicht gelernt, diese Grenzen überhaupt zu spüren. Oder aber sie nehmen zwar wahr, dass eine Grenze von ihnen berührt ist, gehen jedoch bereitwillig darüber hinweg.

Wie ist das bei dir? Kannst du deine persönlichen Grenzen spüren, ehe es zur Explosion kommt? Denn Wut oder Aggression ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass wir schon weit, weit jenseits dieser Grenze sind. Und das sind dann eben diese Situationen, in denen wir entgegen unserer Werte handeln, in denen wir herumschreien und toben, Dinge sagen, die wir später bereuen und mit denen wir mitunter unseren Kindern auch richtig Angst einflößen können. Mehr über die so genannte „Mama-Wut“ liest du hier.

Der Explosion vorbeugen: Frühe Anzeichen erkennen

Es ist also absolut wichtig, dass wir uns darin üben, die Frühwarnzeichen zu erkennen – ehe der Vulkan ausbricht oder die heiße Welle des Zorns anrollt.

Wie immer ist der Körper an dieser Stelle dein Freund und sendet dir eindeutige Signale. Sie wahrzunehmen und ihnen vor allem auch den entsprechenden Stellenwert zu geben, ist vor allem Übungssache.

Körperliche Frühwarnzeichen:

Grummeln im Bauch, Druck auf den Schultern, beschleunigter Herzschlag, Unkonzentriertheit, Gereiztheit, innere Unruhe, Geräuschempfindlichkeit, aufsteigende Hitze…

Wenn dir der Zugang über den Körper schwerfällt, dann schau mal auf deine Gedanken oder Handlungen oder Handlungsimpulse. Ich habe beispielhaft ein paar aufgelistet.

Gedanken und Handlungen:

  • Du möchtest gerne aus der Situation fliehen.
  • Du lenkst dich ab.
  • Deine Gedanken schweifen ab oder springen hin und her.
  • Du sagst dir selbst Dinge wie: „Sei doch nicht so“ oder „Stell‘ dich nicht so an“.
  • Du würdest am liebsten laut schreien, schluckst es aber runter.
  • Du würdest dir gerne die Ohren zuhalten.
  • Du wünschst dir, dein Gegenüber lässt dich einfach in Ruhe.

Woran merkst du, dass du dich einer deiner Grenzen näherst?

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Halt! Stopp! Das wird mir hier alles zu viel… Kennst du solche Situationen?
Foto: Anna Tarazevich/Pexels.com

Wie kannst du Grenzen wertschätzend kommunizieren?

Nun bleibt noch unweigerlich die Frage, wie du es schaffst, dass deine eigenen Grenzen gewahrt werden. Denn leider ist das dann oftmals ein Punkt, an dem dir eine eigene innere Stimme (oder viele Stimmen von außen einflüstern: „Irgendwann ist auch einfach Mal Schluss mit gewaltfrei und friedvoll! Da hilft dann nur noch: Hart durchgreifen!“

Hm, ist das wirklich so? Lass‘ uns mal aufdröseln, was die Gewaltfreie Kommunikation dazu sagt. Diese unterscheidet zwischen „Grenzen als Wolf“ (gewaltvoll) und „Grenzen als Giraffe“ (beharrlich). Wie sich der Wolf (in der GFK das Symboltier für lebensundienliche, gewaltvolle Sprache) benimmt und ausdrückt, ist uns allen sehr bekannt. Vielleicht erinnerst du dich da auch noch an Situationen aus deiner eigenen Kindheit: Erwachsene, die dich am Arm packen, wegtragen oder schieben; lautes Geschrei; Drohungen; Strafen und so weiter.

Diese Art der Kommunikation von Grenzen orientiert sich an Normen, Regeln und Moral und hat zum Ziel, die eigene Sichtweise durchzusetzen. Es ist also ein eindeutiges Machtgefälle spürbar. Oft sind diese Grenzen auch willkürlich gesetzt oder begründet durch Sätze wie „Das tut man nicht“ oder „So ist nun einmal die Regel“. (Nicht nur) Kinder können mit dieser Art von Grenzen wenig anfangen. Wer ist denn dieser „man“? Und warum soll ich mich an diese Regel halten?

Eine Mutter hat mir sehr passend geschrieben: „Wie soll ich denn sicherstellen, dass mein Kind die Grenze nicht überschreitet, wenn ich keinerlei der üblichen Konsequenzen (Fernsehverbot etc.) nutzen ,darf‘? Was habe ich dann überhaupt noch in der Hand?“

Da klingt die Not doch direkt heraus, findest du nicht? Die Not, in der wir uns als Eltern in der Tat oft befinden, wenn sich unsere Kinder vermeintlich bewusst über unsere Grenzen hinwegsetzen.

Ich komme zunächst nochmal auf das zweite Symboltier in der Gewaltfreien Kommunikation, die Giraffe, zurück. Wenn sie Grenzen kommuniziert, dann orientiert sie sich an ihren Bedürfnissen UND denen ihres Gegenübers. Ihr Ziel ist es, die Bedürfnisse aller bestmöglich zu berücksichtigen.

Was du konkret tun kannst

Die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen – das klingt so einfach. Und doch ist es eine der ganz großen Herausforderung des Familienalltags. Was kannst du also ganz konkret tun, wenn du merkst, dein Gegenüber hat eine Grenze überschritten?

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation können hier eine gute Orientierung bieten:

  • 1. Was genau ist geschehen? Was ist der Auslöser? (Beobachtung)
  • 2. Wo in deinem Körper spürst du, dass etwas nicht stimmt? Kannst du dem ein Gefühl zuordnen? Bist du wütend, traurig, frustriert, ängstlich? (Gefühl)
  • 3. Worauf weist dich deine Grenze hin? Welches Bedürfnis ist unerfüllt? Du kannst dich auch fragen: Was täte mir in diesem Moment gut? (Bedürfnis)
  • 4. Was kannst du konkret tun? Willst du deinem Gegenüber eine klare Ich-Botschaft senden? Oder sorgst du für dich selbst, indem du selbst die Situation veränderst (sie ggf. auch verlässt)? (Bitte)

Der vierte Punkt, das wertschätzende und klare Kommunizieren deiner eigenen Grenzen, kann eine echte Herausforderung sein! Es sprengt definitiv den Rahmen dieses Blogbeitrags, darauf näher einzugehen. Was jedoch in allen Fällen gilt: Die Chancen, dass deine Bitte erhört wird, steigt mit folgenden Kriterien:

  • Du bist authentisch und klar, weißt also, wo deine Grenze berührt ist.
  • Gleichzeitig bist du offen für das Bedürfnis was sich dein Gegenüber erfüllt und das im Widerspruch zu deinem Bedürfnis steht (Kind rennt tobend und schreiend durchs Wohnzimmer, du brauchst Ruhe).
  • Du bleibst mit deiner Botschaft bei dir, deinen Gefühlen und deinen Bedürfnissen und fällst über dein Gegenüber weder Diagnosen noch Urteile.
  • Du hast für dein Gegenüber verständlich und umsetzbar formuliert, um was es dir geht.

Mehr zum Thema Bitten in der Gewaltfreien Kommunikation liest du hier.

Klare und wertschätzende Kommunikation kannst du üben!

Vielleicht hast du jetzt beim Lesen eine erste Ahnung, warum es dir manchmal so schwerfällt, dich für deine eigenen Grenzen einzusetzen. Vielleicht bist du oft hilflos und frustriert, weil wieder jemand deine Grenze einfach übergangen hat. Weil du selbst deine eigenen Bedürfnisse runtergeschluckt hast, aus Sorge, sonst in einen Machtkampf zu geraten. Und vermutlich ist dir auch da schon des Öfteren klar geworden, dass das vielleicht für den Moment eine Lösung zu sein scheint, das dicke Ende dann aber erst noch kommt. Nämlich dann, wenn das Fass endgültig überläuft und du explodierst.

Kommt dir das bekannt vor? Ja?

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Ich freue mich, wenn du dabei bist! Bei Fragen, schreib‘ mir gerne eine E-Mail an birthe@leuchtturm-eltern.de

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Bis hierhin und nicht weiter –
eigene Grenzen erkennen und kommunizieren

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1 Kommentare

  1. Iris Busse

    Liebe Birthe,
    Ich lese deinen Beitrag während meine Familie noch schläft. Es ist Sonntag morgen und ich habe mich leise in die Küche geschlichen, um noch „in Ruhe“ meine Zeitung lesen zu können.
    Nun bin ich inspiriert, heute (wieder) damit zu starten, meine Grenzen spüren zu lernen und dafür deine Anregungen auszuprobieren (Wahrnehmung körperlicher Empfindungen wie z.B. Druck oder auch Gedanken wie z B. Die Ohren zuhalten wollen).
    Das erfüllt mein Bedürfnis zu spielen. Dafür danke an dich!

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