Mit dem Kind zum Arzt – 5 Tipps für eine bedürfnisorientierte Begleitung

Bist du entspannt bei dem Thema? Oder rast dein Puls? Wir haben zusammengestellt, was zum Gelingen des nächsten Arztbesuches beitragen kann.

Warum Arztbesuche zum Stressfaktor werden können

Da du hier bei uns in Blog gelandet bist, hast du dich vermutlich schon ein wenig mit bedürfnisorientierter Begleitung beschäftigt. Daher nur noch einmal zur Erinnerung: Die körperliche Integrität (Unversehrtheit) ist eines der Grundbedürfnisse von uns Menschen. Kinder haben nicht nur ein gesetzlich verankertes Recht, es ist auch unser ganz klares Verständnis als Trainerinnen für Gewaltfreie Kommunikation, die körperliche Integrität zu wahren.

Doch genau das bringt eine gewisse Brisanz mit sich: Denn natürlich kommen wir um manche Arztbesuche nicht herum. Und natürlich bergen manche Behandlungen beim Arzt die Gefahr, dass das Kind Dinge „über sich ergehen lassen muss“, die unangenehm, vielleicht sogar schmerzhaft sind.

Wie schaffen wir es dann, den Arztbesuch dennoch so bedürfnisorientiert und gewaltfrei wie möglich über die Bühne zu bringen? Einige Ideen haben wir dir hier aufgelistet.

Apropos, was heißt in dem Zusammenhang eigentlich gewaltfrei? Wir beantworten das für uns wie folgt: Die körperliche Integrität des Kindes wird gewahrt, wir nehmen das „Nein“ unseres Kindes ernst, wir verzichten auf moralische Urteile, Druck, Zwang, Beschämen, Strafe oder Bestechung.

Tipp 1: Sorge für Klarheit

Das Wichtigste zuerst: Du bist die/der Erwachsene und entscheidest, welche Arztbesuche anstehen und was dort gemacht wird. Um da gleich mit einem häufigen Missverständnis der bedürfnisorientierten Erziehung aufzuräumen: Es gibt sehr wohl Bereiche, in denen wir als Erwachsene ganz klar die Führung übernehmen und sagen, WAS gemacht wird. Über das WIE können wir dann wieder gemeinsam mit unserem Kind sprechen.

Daher braucht es im Vorfeld zum Arztbesuch vor allem Klarheit bei uns selbst: Stehen wir voll und ganz hinter der Behandlung? Nein? Warum nicht? Brauchen wir mehr Informationen?

Wäge anschließend alle Bedürfnisse und alle verfügbaren Fakten ab. Was spricht für die Behandlung? Was dagegen? Übernimm Verantwortung für die Entscheidung, die du triffst.

Oder bist du innerlich zerrissen, weil es um eigene Ängste, Kindheitswunden etc. geht? Dann kümmere dich dringend zunächst darum!

Unter Punkt 3 gehe ich noch einmal genauer darauf ein, warum dein Kind dich als absolut verlässlich und klar erleben sollte, wenn ihr euch auf den Weg zum Arzt macht.

Schwierig wird es auch, wenn du erwartest, dass dein Kind einsichtig darauf reagiert, dass es nun Augentropfen bekommen soll oder es mit der Nadel in den Arm gepiekst wird. Nein, das ist fies und gemein, auch wir als Erwachsene finden das in der Regel nicht toll.

Daher begleite lieber den Frust, die Angst, den Schmerz und die Wut deines Kindes einfühlsam. Wenn du generell dazu tendierst, stark mit deinem Kind mitzuleiden, also dein Schmerz fast so stark (oder stärker) als der des Kindes ist, dann schaue dir unsere Tipps ganz unten an.

Tipp 2: Plane sorgfältig

Vertraue ich selbst dem Arzt? Vertraut mein Kind ihm?

Gerade bei Ärzten, zu denen ihr regelmäßig geht (Kinderarzt, Zahnarzt, Physiotherapeut…) lohnt es sich, Zeit in die Suche zu investieren. Was macht für dich einen guten Arzt aus? Passt es menschlich zwischen euch? Hat der Arzt ähnliche Vorstellungen davon, wie Kinder ins Leben begleitet werden? Traust du seiner Expertise? Wie reagiert er auf heikle Situationen? Geht er auf dein Kind ein?

Mitunter kann es sinnvoll sein, in einem Vorgespräch ganz klar die Erwartungen zu benennen: Die Spritze gibt es erst, wenn das Kind klar einwilligt. Die fiese Gurgellösung zu Beginn der Untersuchung kann auch weggelassen werden. Mehr dazu findest du auch nochmal unter Punkt 5.

Welcher Termin ist günstig?

Beachte dabei möglichst Aktivitäts- und Schlafphasen sowie Essenszeiten. Wann ist dein Kind erfahrungsgemäß eher gut drauf? Zu welchem Zeitpunkt wird es nörgelig (weil es müde, hungrig, gestresst ist)? An welchen Tagenhast du selbst ausreichend Ruhe und Zeit für einen vielleicht herausfordernden Termin? Was ist eventuell mit Geschwisterkindern – kannst du die irgendwo unterbringen?

Natürlich haben wir nicht immer die Wahlfreiheit, zum Beispiel bei Fachärzten mit langen Wartezeiten oder Krankenhausaufenthalten. Doch wenn wir sie haben, dann sollten wir sie auch nutzen.

Habe ich mein Kind gut vorbereitet?

Hier kommt es natürlich ganz stark auf das Alter und den Charakter des Kindes an, wieviel ich im Vorfeld erzähle. Generell würde ich jedoch folgende Fragen IMMER altersgerecht und wahrheitsgemäß dem Kind UNGEFRAGT vorab beantworten (ja, auch schon dem Säugling):

Was wird gleich passieren? Wer ist dabei? Wie kann mein Kind sicher sein, dass du es unterstützt? Hat es von sich aus weitere Fragen?

Und schließlich ist ein Arztbesuch eine klassische Übergangssituation, denn ihr brecht ja immer irgendwie zum Arzt auf. Eine Situation wird beendet, eine neue beginnt – dazwischen braucht es eine stabile, tragfähige Brücke – den Übergang. Wie du diesen gestalten kannst, haben wir hier beschrieben. Zudem kannst du dir gerne am Ende des Beitrags auch gleich unser neues Freebie dazu sichern.

Tipp 3: Fülle den Tank

Vielleicht hast du ja schon von diesem ominösen „Kooperationstank“ gehört? Als Eltern tun wir gut daran, diesen im Blick zu behalten! Du kannst dir das analog zu einem Auto vorstellen. Ist der Tank voll, dann läuft alles rund. Doch natürlich wird der Tank mit jeder Strecke, die wir zurücklegen, ein klein wenig leerer. Wenn wir da nicht beizeiten nachtanken, stottert irgendwann der Motor.

Und um es wieder auf Kinder zurück zu übertragen:

Kinder kooperieren ohnehin ständig, richten sich also an dem aus, was wir oder andere Bezugspersonen, von ihnen möchten. Bei einem Arztbesuch ist ganz besonders viel Kooperationsbereitschaft gefragt. „Spare“ daher so viel Reserve im Tank auf, wie es nur geht.

Denke dabei auch vor allem an Bedürfnisse wie Autonomie, Spiel und Spaß, Liebe, Sicherheit… Je mehr entspannte Zeit ihr vorab verbringen konntet, desto leichter wird es deinem Kind fallen, zu kooperieren.

Vielleicht hast du ja Ideen, wie du vor dem Arztbesuch noch einmal ganz bewusst den Kooperationstank deines Kindes füllen kannst? Zum Beispiel mit ein bisschen Toben oder Spielen? Oder ihr kuschelt im Wartezimmer miteinander und lest dabei ein Buch?

Denke unbedingt auch an deinen eigenen Tank: Also hast du genug geschlafen, gegessen, getrunken und warst auf Toilette? Nimm dir und deinem Kind sonst ruhig noch ein paar Snacks mit.

Tipp 4: Vermittle Sicherheit

Ein Arztbesuch ist für viele Kinder mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Vergiss daher eines nie: Du bist der Anker deines Kindes! Sorge für Sicherheit, Orientierung und Klarheit – vor, während und nach dem Arztbesuch.

Kinder erwarten von uns, dass wir in diesen Momenten Führung übernehmen. Denn die Situation ist für sie ja unter Umständen ganz neu und ungewohnt. Meine Kinder erleben mich in solchen Dingen als sehr verlässlich, da ich mich vorher so gut es geht informiere, was bei der Untersuchung passieren wird. Ich stecke vorher klare Grenzen ab, gebe den Rahmen vor und vermittle dadurch Sicherheit.

Wenn Gefühle bei meinem Kind auftauchen, dann begleite ich diese. Das gelingt mir nur dann gut, wenn ich in dem Moment auch in der Lage bin, meine eigenen Gefühle wahrzunehmen und mich um diese zu kümmern. Dazu gehört auch, dass ich mir Unterstützung suche, wenn die Gefühle drohen, mich zu überschwemmen.

Dazu folgen am Ende des Textes noch einmal zwei Beispiele.  

Bleibe also klar und schaue gleichzeitig: Was braucht dein Kind in diesem Moment? Was macht es ihm leichter, die unangenehme Situation durchzustehen?

Hierzu möchte ich gerne noch etwas weitergeben, was ich zuletzt bei Anja von Wirbelwindherzen gelesen habe: Sie hat einen Tipp für Situationen, in denen wir vielleicht Sorge vor den Blicken oder Reaktionen anderer haben. Was dazu führen kann, dass wir uns nicht „trauen“ so zugewandt zu reagieren, wie wir es vielleicht sonst tun würden. Sie schreibt: „In dieser Situation hilft es mir, wenn ich mir um mich und mein Kind/meine Kinder eine Art Blase vorstelle. Ich stelle mir vor, dass ich mit meinem Kind alleine bin und mir niemand zuschaut. Damit gewinne ich bereits viel Gelassenheit […]“ Probiere es doch mal aus!

Tipp 5: Wahre die Integrität

Wir haben festgestellt, dass es sehr wichtig ist, im Vorfeld Grenzen auszuloten und zu definieren. Wo darf das Kind mitentscheiden? Was entscheidest du?

Welche Kommunikation des Arztes mit deinem Kind wünscht du dir? Wo sollte er sofort und auf der Stelle stoppen? In welchen Momenten stellst du dich wie die Löwenmutter (oder der Löwenvater) vor dein Kind und verteidigst die Integrität und die Würde deines Kindes?

Wo „verbündest“ du dich vielleicht sogar für einen Moment ganz klar mit dem Arzt und sagst: „Ich weiß, du willst diese Spritze absolut nicht haben, du hast Angst, dass es wehtut, stimmt’s? Ich verstehe dich so gut! Und gleichzeitig ist es mir so unglaublich wichtig, dass du gesund bleibst und ich entscheide daher ganz klar als deine Mama: Die Spritze kommt in den Arm! Willst du währenddessen auf meinen Schoß kommen?“

Was, wenn du selbst mitleidest?

Dein Kind braucht dich beim Arzt als starken, verlässlichen Anker. Wenn du selbst noch wankst oder mit eigenen Ängsten und Kindheitserfahrungen kämpfst, dann kann das zum echten Desaster werden.

Ich erinnere mich zum Beispiel, dass bei den wirklich heiklen Arztbesuchen in meiner Kindheit stets mein Vater mitgekommen ist. Denn meine Mutter hat zu sehr selbst gelitten. Mein Vater hingegen konnte mir Ruhe und Sicherheit vermitteln, da er den entsprechenden Abstand gewahrt hat.

Jetzt protestierst du vielleicht und sagst: Aber mein Kind braucht doch auch meine empathische Begleitung. Und Empathie bedeutet, dass ich mich in mein Gegenüber einfühle.

Ja, das schon. Doch übernehme ich den Schmerz meines Kindes, also bringt mich die Not des Kindes selbst in Not, dann kann ich dem Kind keine Empathie mehr geben. Sondern ich brauche zunächst ganz dringend selbst welche.

Wenn ich in der GFK geübt bin, dann kann ich das schnell für mich erkennen, und es so schaffen, dass ich mich nicht von meinen Gefühlen überschwemmen oder leiten lasse. Wie gesagt, alles in gewissen Maßen. Ich sollte mir darüber im Klaren sein, welchen Sinn eine Behandlung jetzt gerade im Moment hat.

Und wenn ich mich mit dem Sinn dahinter nicht mehr (oder noch nicht) verbinden kann, dann ist es vielleicht auch nicht die richtige Behandlung. Oder mir fehlen noch Informationen. Oder ich delegiere die Begleitung des Kindes an eine Person, die in diesem Moment stärker bleiben kann.

Dazu noch ein letztes Beispiel: Meine Zwillinge kamen als Frühchen zu Welt, und gerade meine Tochter hat einiges an wirklich unangenehmen Behandlungen über sich ergehen lassen müssen. Mir hat das manchmal fast das Herz gebrochen. Umso dankbarer war ich, dass in der Klinik die Eltern von Frühchen stets von einer Psychologin betreut wurden. Mit dieser konnten mein Mann all unsere Ängste und unseren Schmerz besprechen und das Für und Wider von Behandlungen abwägen. So konnten wir in den entscheidenden Momenten für unser Kind stark sein.

Falls du jetzt während des Lesens gemerkt hast, dass du dazu neigst, Schmerzen oder Probleme deines Kindes zu deinen eigenen zu machen, dann lies doch gerne mal, was der Psychologe Thomas Gordon über den Problembesitz veröffentlicht hat. Du findest unseren Text dazu hier.

Für die schnelle Leserin – oder den schnellen Leser

Um einen Arztbesuch bedürfnisorientiert begleiten zu können, braucht es aus unserer Erfahrung vier Dinge: eigene Klarheit, Sicherheit für dein Kind, eine wertschätzende Kommunikation und eine vorausschauende Planung.

  • Verbinde dich mit dem Sinn hinter der Behandlung.
  • Kommuniziere deinem Kind klar, was auf es zukommt (natürlich altersgerecht und ohne ihm Angst zu machen).
  • Frage es, was es braucht, damit ihm die vielleicht angstbesetzte Situation leichter fällt.
  • Arbeite deine eigenen Geschichten im Vorfeld ab (Ängste, Kindheitserfahrungen, etc.).
  • Ergründe deine Grenzen und kommuniziere diese: „Ich werde auf dich Acht geben und klar einschreiten, wenn … passiert.“
  • Erfindet ggf. eigene Rituale wie das Abklatschen vor und/oder nach der Behandlung; nutzt gerne auch ein Mantra oder eine Affirmation, wenn sich das gut für euch anfühlt und euch hilft.
  • Gestalte den Übergang bewusst – also den Aufbruch zum Arzt…

… tada! Und zu dem Thema haben wir etwas für dich…

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