Drei Gründe, warum Zähneputzen mit Kindern oft zum Drama wird – und was du dagegen tun kannst

Am 24. September ist Tag der Zahngesundheit. Ein guter Anlass, ein Thema zu beleuchten, was sich Eltern von uns immer mal wünschen: Was kann ich gegen das Drama beim Zähneputzen tun?

Wir haben uns Gedanken gemacht, welche Bedürfnisse des Kindes hinter den Problemen beim Zähneputzen stecken könnten. Außerdem hat Birthe ein Interview mit einer Zahnarzthelferin geführt, die in einer auf Kinder spezialisierten Zahnarztpraxis arbeitet. Du findest es am Ende der Seite.

#1 Zähneputzen ist ein Eingriff in die körperliche Integrität

„Nein, ich will nicht, lass‘ mich!“ – ich gehe jede Wette in, dass du diesen Ruf irgendwann schon einmal von deinem Kind gehört hast, wenn es ums Thema Zähneputzen geht. Oder spätestens dann, wenn der Besuch beim Zahnarzt ansteht. Der Mund bleibt fest verschlossen. Vielleicht wehrt dein Kind dich auch mit Händen und Füßen ab oder es läuft weg und versteckt sich.

Was für uns Erwachsene auf den ersten Blick furchtbar nervig und auch unsinnig erscheinen mag, macht aus Sicht des Kindes absolut Sinn. Es verteidigt an dieser Stelle vehement seine körperliche Integrität. Laut Entwicklungsforscher Remo Largo eines der menschlichen Grundbedürfnisse.

Im Grunde genommen kannst du stolz auf dein Kind sein. Denn selbst über den eigenen Körper bestimmen zu wollen, ist in vielfacher Hinsicht wichtig. Und das nicht erst, wenn das Kind in die Pubertät kommt und es um sexuelle Hintergründe geht.

WAS DU TUN KANNST: Vermutest du, dass dein Kind Zähneputzen ablehnt, weil es selbst über seinen Körper bestimmen will oder von diesem Schaden und Schmerzen fernhalten will, dann probiert neue Wege aus. Vielleicht ist die Bürste zu hart? Oder der Winkel, in dem du putzt, ist unangenehm? Begib‘ dich doch mal auf die Ursachenforschung. Wenn dein Kind schon gut sprechen kann, kannst du es auch mit dem Aktiven Zuhören oder Empathischen Vermuten versuchen.

#2 Am Zähneputzen führt kein Weg vorbei – das steht im Widerspruch mit dem kindlichen Bedürfnis nach Autonomie

Eine bekannte GFK-Kollegin von uns sagt gerne in ihrem Podcast: Was gemacht wird, entscheide ich als deine Mutter. Wie es gemacht wird, darf das Kind mitbestimmen. Mir persönlich gefällt dieser Satz richtig gut, vor allem für solche Situationen wie das Zähneputzen. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass es zig Dinge gibt, die spannender und spaßiger sind. Geht mir selbst genauso. Gleichzeitig habe ich eine Fürsorgepflicht für mein Kind, und seine Gesundheit ist mir wichtig. Dazu gehören auch gesunde Zähne. Was wiederum bedeutet, dass ums Zähneputzen kein Weg herum führt.

Diese Klarheit ist wichtig fürs Kind. Denn es gibt ihm Orientierung und Halt. Da Kinder (vor allem in gewissen Phasen) sehr stark nach Autonomie streben, also selbst bestimmen wollen, kann das Zähneputzen dennoch ein heikles Thema werden.

WAS DU TUN KANNST: Du vermutest, deinem Kind geht es um Wahlfreiheit? Dann werde dir klar darüber, wo deine persönlichen Grenzen liegen und was du deinem Kind anbieten kannst. Darf es über die Zahnpasta entscheiden? Elektrisch oder Handzahnbürste? Vor oder nach der Gute-Nacht-Geschichte? Auf dem Bett oder liegend auf Mamas Schoß? Frag‘ dein Kind doch gerne mal, was es braucht, damit es harmonischer läuft. Das kann von Tag zu Tag natürlich völlig unterschiedlich sein.

#3 Dein Kind ist viel zu müde zum Zähneputzen und der Kooperationstank ist leer

Wann gibt es bei euch am meisten Drama ums Zähneputzen? Morgens oder abends? In Vorbereitung auf diesen Beitrag haben Verena und ich (Birthe) festgestellt, dass es bei uns vor allem abends schwierig wird. Die Kinder sind müde, manchmal auch sehr aufgekratzt. Sie sind voll von Eindrücken des Tages. Und nun sollen sie auch noch Zähneputzen?

Von Jesper Juul stammt die Aussage, dass Kinder IMMER kooperieren. Ich möchte ein „es kommt darauf an“ nachschieben. Vielleicht hast du ja auch anderswo schon von diesem ominösen „Kooperationstank“ des Kindes gelesen. Ich finde das ein sehr passendes Bild: Wir packen Treibstoff hinein wie Liebe, Aufmerksamkeit, Spiel, Spaß und Selbstbestimmung. Wenn der Tank derart gut gefüllt ist, dann können wir diese kindliche Freude beobachten, mit der unsere Kinder gerne beitragen. Kooperation fällt ihnen dann leicht.

Über den Tag wird der Tank jedoch vielfach von uns oder anderen (Kindergarten, Schule, Oma und Opa) angezapft. So dass er abends oft völlig leer ist. Seien wir ganz ehrlich: Da geht es uns Erwachsenen nicht anders. Irgendwann reicht es uns einfach. Ende und aus.

WAS DU TUN KANNST: Vielleicht hast du ja Ideen, wie du vor dem Zähneputzen noch einmal ganz bewusst den Kooperationstank deines Kindes füllen kannst? Zum Beispiel mit ein bisschen Toben oder Spielen? Oder ihr verbindet Zähneputzen und Kuscheln miteinander? Vielleicht hilft dir auch schon das Bewusstsein dafür, dass dein Kind über den Tag schon sehr, sehr viel kooperiert hat?

Viele Kinder machen auch beim Zahnarzt motiviert mit, wenn ihr erwachsenes Gegenüber sich Zeit nimmt und auf die Bedürfnisse eingeht. Foto: Verena Ohn

Wir sind neugierig! Konntest Du etwas mit unseren Ideen anfangen? Nutzt du vielleicht schon welche davon? Oder hast du noch andere Live-Hacks zum Thema Zähneputzen? Lass‘ uns gerne einen Kommentar da (Bitte einmal nach unten scrollen).

„Es ist wichtig, dass sich Kinder von Anfang an ans Zähneputzen gewöhnen“

Interview zum Tag der Zahngesundheit mit Jamina Caputo, Zahnarzthelferin bei smile4kids in Hilden, einer Zahnarztpraxis speziell für Kinder. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern im Alter von sechs, zwölf und 14 Jahren.

Viele Eltern kennen leider den ewigen Kampf im Badezimmer, wenn es ans Zähneputzen geht. Mal Hand aufs Herz, wieviel Zähneputzen ist in welchem Alter denn wirklich medizinisch notwendig?

CAPUTO: Zähne putzen ist wirklich schon ab dem 1. Zahn notwendig. Natürlich muss das dann nicht zwei Minuten lang sein. Doch auch ein Zahn ist genauso anfällig und sollte daher entsprechend gereinigt und gepflegt werden. Am besten morgens und abends. Es braucht da nicht unbedingt gleich eine Zahnbürste oder gar Zahnpasta. Anfangs tut es auch ein Fingerling. Wichtig ist, dass sich das Kind von Anfang an ans Putzen gewöhnt.

Wir kennen ja alle die Situation: Wir haben die Zeit abends überzogen, das Kind ist furchtbar müde und will keine Zähne mehr putzen. Wie schlimm ist es wirklich, wenn das Zähneputzen ab und an mal ausfällt?

CAPUTO: Da geht die Welt nicht von unter, und auch die Zähne fallen nicht gleich aus. Solange es nicht zur Regel wird, ist es vollkommen okay, wenn es ab und an mal unter den Tisch fällt. Vielleicht können aber auch die Eltern das Putzen übernehmen? Bei manchen Kindern funktioniert das sogar im Halbschlaf noch ganz gut. Andere sind da empfindlicher. Die dürfen dann auch weiterschlafen.

Stichwort Kariesprophylaxe: Liegt es da vor allem daran, wie gut das Kind (und die Eltern) putzen, oder sind gute bzw. schlechte Zähne auch Veranlagung?

CAPUTO: Es stimmt schon, dass es Menschen mit einer höheren Veranlagung für Karies gibt. Allerdings ist es definitiv so, dass eine ordentliche Mundhygiene das Gebiss vor Karies schützt. Auch dann, wenn ich eher dazu neige. Es wird also eher umgekehrt ein Schuh daraus: Wer selten putzt und kein Karies bekommt, hat genetisch einfach etwas mehr Glück als andere.

Wie kann ich Zahnputzmuffel zur Mitarbeit motivieren?

CAPUTO: Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, die Kinder zum Zähneputzen hinzulegen. Ich kann mich zum Beispiel auch auf den Boden knien, mein Kind legt den Kopf in meinen Schoss. Dann ist der Kopf schon in einer sehr guten Position, aus der ich als Mama oder Papa die Zähne reinigen kann. Was bei Kindern auch immer gut ankommt, ist eine spielerische Herangehensweise. Rumalbern, Faxen machen, ein Zahnputzlied singen…

Manchmal können ja auch Apps den Spaßfaktor erhöhen, wie sie bei elektrischen Zahnbürsten oft dabei sind. Welche Vor- und Nachteile haben elektrische Zahnbürsten gegenüber Handzahnbürsten?

CAPUTO: Bei den elektrischen Zahnbürsten ist der Bürstenkopf eher klein. Das ist ein großer Vorteil, da es im Kindermund ja eh schon eng ist. Dann hat die elektrische Variante ja auch schon eine Eigenbewegung, das heißt, ich muss sie nur auf alle Flächen jedes Zahns draufhalten. Das kann gleichzeitig auch ein Nachteil sein, weil Kinder dann die manuelle Motorik gar nicht mehr erlernen. Daher empfehlen wir, elektrische Zahnbürsten erst ab dem 3. Schuljahr zu nutzen und sie vorher mit einer Handzahnbürste üben zu lassen.

Wie oft sollten Kinder zum Zahnarzt gehen?

CAPUTO: Am besten direkt ab dem 1. Zahn und dann alle sechs Monate.

Zahnarztpraxis? Nee, oder? Doch! Jedes Behandlungszimmer hat in dieser speziellen Zahnarztpraxis für Kinder ein eigenes Motto. Foto: Denecke Zahnmedizin

Wie kann ich mein Kind darauf vorbereiten?

CAPUTO: Das kommt zum einen auf das Alter des Kindes an. Zum anderen auch darauf, wie es charakterlich drauf ist. Wie reagiert es generell auf Ärzte? Ist es eher schüchtern und zurückhalten oder sehr neugierig und aufgeschlossen? Wer mag, kann zu Hause schon ein wenig Zahnarzt spielen. Die Zähne zählen, das Mund aufmachen üben, sich selbst vom Kind mit zwei Teelöffeln untersuchen lassen. Das muss aber nicht unbedingt sein! Manchmal wird das Thema dadurch dann auch viel zu groß. Ich selbst habe meine Kinder von Anfang an zu meinen eigenen Kontrolluntersuchungen mitgenommen. So war das für sie völlig natürlich.

Wie gehen Sie damit um, wenn Kinder den Mund nicht aufmachen wollen oder sich lautstark (oder mit Händen und Füßen) gegen die Behandlung wehren?

CAPUTO: Wenn es nur um eine Kontrolle geht, dann führen wir die natürlich nicht auf Biegen und Brechen durch, sondern versuchen es zu einem neuen Zeitpunkt. Die Kinder sollen ja auch wieder zu uns kommen. Sollte es eine Akutbehandlung, also nach einem Unfall oder bei Schmerzen sein, dann schaffen wir es meist, gemeinsam mit den Eltern, das Kind entweder abzulenken oder ihm gut zuzureden. Es passiert bei uns tatsächlich relativ selten, dass sich Kinder vehement wehren..

… das liegt sicher auch an der sehr kinderfreundlichen Umgebung Ihrer Praxis, oder?

CAPUTO: Ja, für die Kinder gibt es bei uns wirklich viel zu gucken und zu entdecken. Jedes Zimmer ist nach bestimmten Themenbereichen gestaltet. Zudem nehmen wir uns Zeit, uns mit den Kindern zu unterhalten, ein Späßchen mit ihnen zu machen. Wir gehen sehr individuell auf die kleinen Patienten ein.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie von besonderen Kommunikationsmethoden, die sie anwenden. Können Sie uns da einen Einblick geben?

CAPUTO: Dabei geht es vor allem darum, keine angsteinflößenden Begriffe zu verwenden . Zähne werden bei uns nicht gezogen, sondern rausgezaubert. Und statt Spritzen oder Betäubungen legen wir die Zähne schlafen. Wir sprechen auch mit den Eltern so, wenn das Kind dabei ist. Wenn Behandlungen gemacht werden, dann zeigen und erklären wir alles mit besonderen Begriffen.

Titelfoto: Jenny Friedrichs/Pixabay

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