Die Schatzkammer der GFK: Bedürfnisse und Werte

„In der GFK betrachten wir Werte und Bedürfnisse als Quelle der Lebensenergie, die in jedem Lebewesen sprudelt. Durch diese Gemeinsamkeit sind wir alle miteinander verbunden. Sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf Bedürfnisse richten, wird uns im zwischenmenschlichen Miteinander das Verbindende deutlich.“

Ingrid Holler

Zum Auftakt unserer „GFK-Basics“-Artikelserie haben wir das Vier-Schritte-Modell von Marshall Rosenberg zusammengefasst.
Anschließend haben wir die ersten beiden Schritte vorgestellt:
– die wertfreie Beobachtung (erster Schritt) und
– das Gefühl (zweiter Schritt).

Heute geht es um den dritten Schritt: das Bedürfnis.

Wie das o.g. Zitat von Ingrid Holler deutlich macht: Bedürfnisse stehen deshalb im Zentrum der Gewaltfreien Kommunikation, weil sie das verbindende Element zwischen uns Menschen ist.

Schau mal in unser GFK-Lexikon

Mitte letzten Jahres haben wir bereits einige Informationen zusammengetragen:

  • Was sind Bedürfnisse?
  • Warum stehen sie im Mittelpunkt der GFK?
  • Woran erkennen wir, wann sie erfüllt oder unerfüllt sind?
  • Welche Herausforderungen gibt es im Zusammenhang mit Bedürfnissen?

Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen

Interessanterweise heißt das Kapitel in Marshall Rosenbergs Buch nicht „Bedürfnisse“, sondern: „Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen“.

Er leitet das Kapitel mit folgenden Worten ein:
„Zur dritten Komponente der GFK gehört das Erkennen und Akzeptieren unserer Gefühlswurzeln. Die GFK schärft unsere Wahrnehmung der Tatsache, dass das, was andere sagen oder tun, ein Auslöser für unsere Gefühle sein mag, aber nie ihre Ursache ist.“

Schlüsselunterscheidung „Auslöser“ vs. „Ursache“

Praktisch und alltagsnah formuliert: ein und dieselbe Situation kann zum selben Zeitpunkt bei unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Gefühle hervorrufen. Auch kann eine Situation bei uns selbst zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Gefühle hervorrufen.

Beispiel: An der roten Ampel

  • Person A ist ungeduldig (Gefühl). Sie hat einen Termin und ist in Eile.
    (mögliche Bedürfnisse: verantwortungsvoller Umgang mit Zeit, Zuverlässigkeit, Beitragen).
  • Anders geht es Person B: Sie ist entspannt (Gefühl) und auch etwas erleichtert (Gefühl). Ihrem fahrradfahrenden Kind ist gerade der Schnürsenkel aufgegangen und nun hat sie eine günstige Gelegenheit, eine neue Schleife zu binden. Sie braucht ihr Kind nicht darum zu bitten, seine Fahrt wegen des Schuhs zu unterbrechen.
    (mögliche Bedürfnisse: Fürsorge/ Beitragen, Harmonie)
  • Wieder anders ist es für Person C: Sie ist genervt (Gefühl). Sie ist mit Inlineskates unterwegs und dies ist bereits die dritte rote Ampel in Folge.
    (mögliche Bedürfnisse: Vorankommen, Kontinuität, Bewegung).

Es ist nicht die rote Ampel, die „uns Gefühle macht“, sondern „die Art, wie wir diese Tatsache für uns aufnehmen und bewerten“ (Rosenberg).

„Es sind nie die Tatsachen, die uns beunruhigen und ärgern, es sind immer unsere eigenen Bewertungen.“

Marshall Rosenberg

Ursache unserer Gefühle sind unsere Bewertungen

Wie jetzt!? Eigentlich heißt es doch in der GFK:

Ursache für unsere Gefühle sind unsere Bedürfnisse.

Oder nicht? Sind es nicht die Bedürfnisse, die ursächlich sind für unsere Gefühle?!

Doch. Aber…

Manchmal fällt es schwer, Bedürfnisse zu erkennen

Wir sind hier bei einer der wichtigsten Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation: „Ursache für unsere Gefühle sind unsere Bedürfnisse“.
Sie zielt darauf ab, dass wir für unsere eigenen Gefühle selbst die Verantwortung übernehmen. Die Ursache für unsere Gefühle liegt in uns selbst. Wir allein sind für sie verantwortlich.

Es gibt Menschen, die keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu ihren Bedürfnissen haben. (Eigentlich wir alle, wenn wir gerade in einer heftigen emotionalen Verstrickung sind… 😉). Für sie ist diese Grundannahme nicht immer hilfreich.
Wenn wir die gewaltfreie Kommunikation noch nicht verinnerlicht haben (also – in Rosenbergs Worten – mindestens in den ersten 30 Jahren unseres GFK-Lernens 😉), dann sind wir noch sehr mit alten Gedankenmustern verbunden. Wir haben schnelleren Zugriff auf unsere Urteile und Schuldzuweisungen, als auf unsere Bedürfnisse.

Wenn es uns also schwer fällt, unsere Bedürfnisse zu erkennen, nehmen wir doch einfach den Umweg über unsere Gedanken!

Gedanken verdecken unsere Bedürfnisse

Wenn wir unsere Gedanken versuchen zu ignorieren, und stattdessen sofort nach Bedürfnissen suchen – weil ja „unsere Bedürfnisse Ursache der Gefühle sind“ – kann es passieren, dass wir nicht bis zum Kern des Ganzen vordringen.

Beispiel:
„Ich bin wütend, weil ich mir den Mund fusselig rede und mir die Kinder im Haushalt ja doch nicht helfen! Ich bin total frustriert. Alleine ist das alles doch gar nicht zu schaffen! Lauter Egoisten um mich herum, jeder denkt nur an sich. Ich finde, hier sollten alle mit anpacken!“

Suchen wir basierend auf der o.g. Grundannahme direkt nach dem unerfüllten Bedürfnis, dann kämen wir schnell zu dem Schluss:

„Ich bin frustriert, weil ich Unterstützung brauche.“

Der direkte Weg zum Bedürfnis bleibt manchmal oberflächlich

Tatsächlich möchte ich behaupten, dass „ich brauche Unterstützung“ nur die halbe Wahrheit ist. In dem Beispiel geht es noch um etwas anderes. Dem kommen wir mithilfe der Bewertungen auf die Schliche, die in dem o.g. Satz verborgen sind.

„Alleine ist das doch gar nicht zu schaffen.“
„Lauter Egoisten.“
„Ich finde, hier sollten…“

In diesen Aussagen kommen innere Überzeugungen zum Ausdruck. Sie beruhen möglicherweise auf vergangenen Erfahrungen und münden in dazu passenden Zukunftsprognosen. Außerdem finden wir hier ein Denken in Kategorien von „richtig“ und „falsch“. Das sind sog. „moralische Bewertungen„.

Tieferliegende Werte ans Licht holen

Es geht hier also nicht „nur“ um Bedürfnisse im Hier und Jetzt, die konkrete Situation der Haushaltsarbeit betreffend. Es geht auch um eine Vorstellung dessen, was für uns richtig und passend erscheint. Um allgemeine Werte, die wir im Alltag mit unseren Familienmitgliedern „gelebt“ sehen wollen.
Und vor diesem Hintergrund „be-werten“ wir Situationen und verspüren, je nach Erfüllung dieser Werte, angenehme oder unangenehme Gefühle.

Ursache für unsere Gefühle sind also unsere Bewertungen?

Hm, ja, naja – indirekt.

Bewertungen sind der Ausdruck erfüllter/ unerfüllter Werte und Bedürfnisse

Unsere Gefühle entstehen zwar aufgrund der Bewertungen. An der Wurzel der Gefühle jedoch liegen unsere Bedürfnisse. Denn unsere Bewertung resultiert letzten Endes auch aus unseren Werten und Bedürfnissen, die in der jeweiligen Situation berührt werden.

Nehmen wir das Beispiel von oben. Wir dringen durch den Schleier der Gedanken (moralische Bewertungen, Vorwürfe und Erwartungen) zu den eigentlichen Werten und Bedürfnissen vor. Dann könnte das Ganze in etwa so lauten:

„Ich wünsche mir ein Zusammenleben in Einklang mit meinen Werten. Diese lauten: wir geben aufeinander acht und schauen gemeinsam, dass es allen Beteiligten gut geht. Wir leben Gemeinschaft. Das heißt, jeder trägt hier einen Teil der Verantwortung und trägt seinen Teil dazu bei, dass ein harmonisches Zusammenleben funktionieren kann. Mir geht es auch um Balance und rücksichtsvolles Miteinander. Und möglicherweise auch um gegenseitige Wertschätzung.“

Sprachlich Verantwortung übernehmen

Bestimmte Sprachmuster verschleiern die Verantwortung für eigene Gefühle und Bedürfnisse:

  • Unpersönliche Pronomen wie „es“, „das“ und „man“
    „Das geht mir total auf die Nerven.“
    „Es macht mich sauer, wenn im Flur die Schuhe auf dem Boden liegen.“
    „Ich bin genervt, wenn man schon am ersten Fehltag eine Entschuldigung einreichen muss.“
  • Aussagen, in denen nur Handlungen anderer vorkommen
    „Ich bin enttäuscht, wenn du mich an meinem Geburtstag nicht anrufst.“
    „Ich bin irritiert, wenn du so lange schweigst.“
  • Der Ausdruck „ich fühle mich [Gefühl], weil…“ gefolgt von einer Person oder einem anderen persönlichen Pronomen als „ich“
    „Ich bin total dankbar, weil du den Tisch gedeckt hast!“
    „Ich bin verärgert, weil die Lehrerin uns nicht rechtzeitig Bescheid gegeben hat.“
Verantwortung leugnen, indem die Ursache beim Anderen gesucht wird.

Wir können unsere Wahrnehmung für unsere Eigenverantwortung schärfen, indem wir den Satz „Ich fühle …, weil ich/mir…“ einsetzen. Um kenntlich zu machen, dass wir Verantwortung übernehmen, ist es noch nichtmals erforderlich, unsere Bedürfnisse klar zu benennen. Es reicht schon, die obige (unpersönliche) Aussage zu einer persönlichen, auf uns selbst bezogenen Aussage zu machen.

  • Ich bin sauer, wenn im Flur die Schuhe auf dem Boden liegen, weil mir Ordnung und Sauberkeit wichtig sind.“
    Es nervt mich, wenn schon am ersten Fehltag eine Entschuldigung eingereicht werden soll, weil ich es mühsam finde und gerne leicht und unkompliziert hätte.
  • Ich war enttäuscht, als du an meinem Geburtstag nicht angerufen hast, weil ich fest mit deinem Anruf gerechnet habe und mich immer freue auf ein Gespräch. Ich vermisse die Nähe und Gemeinschaft .“
    „Wenn du so lange schweigst, bin ich irritiert, weil ich den Grund dafür nicht kenne.“
  • Ich bin total dankbar, dass du den Tisch gedeckt hast, weil ich in Eile bin und so Zeit spare.“
    Ich ärgere mich darüber, dass die Lehrerin uns nicht rechtzeitig Bescheid gegeben hat, weil mir nun etwas für mich Wichtiges entgangen ist.“

Königsdisziplin „Bedürfnissprache“

Im Idealfall verzichten wir bei der Schilderung unseres Befindens vollständig auf lebensentfremdende Sprachmuster. Wenn es uns gelingt, die wertfreie Beobachtung und die dadurch ausgelösten Gefühle mit den zugrundeliegenden Bedürfnissen zu verbinden, dann ist der Weg geebnet für konkrete, passende Lösungen.

Ich empfehle GFK-Neulingen, im ersten Schritt die Beobachtung als Satz zu formulieren und gut hörbar einen Punkt zu setzen. Anschließend würde ich Gefühl und Bedürfnis in einem Satz nennen, so dass der Zusammenhang zwischen beiden richtig gut erkennbar wird.

Gefühl und Bedürfnis in einem Satz, denn sie hängen zusammen.

Erst dann folgt der vierte Schritt, die Bitte. Diese schauen wir uns in der kommenden Woche an.

Praxistipp:
Fühlt es sich „irgendwie unrund“ an? Fällt die Benennung des Bedürfnisses nach dem Gefühl schwer? Irgendetwas erscheint nicht stimmig?
Dann kann es sein, dass das „richtige“, zum Gefühl passende Bedürfnis, noch nicht identifiziert wurde. Es lohnt sich, so lange zurückzukehren zur Beobachtung, zur Entschlüsselung der Gedanken und zum Gefühl, bis die Puzzleteile ein stimmiges Gesamtbild ergeben. In der Regel erkennt man es daran, dass sich innerlich etwas entspannt. Ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass es gelungen ist, sich mit sich selbst zu verbinden.

Übrigens:
Wie du deinen Bedürfnissen auf die Schliche kommen kannst, haben wir hier schon einmal genauer beschrieben.

Wozu brauchen wir Klarheit über unsere Bedürfnisse?

Wozu dient dieser dritte Schritt der Gewaltfreien Kommunikation? Warum nennen wir ihn „die Schatzkammer“?

  • Sie ermöglichen Verbindung zu uns und zu anderen Menschen (was die zentrale und alleinige Absicht der Gewaltfreien Kommunikation ist!).
  • Aus dieser Verbindung heraus ist es leichter, das eigene Wohlbefinden zu steigern und zum Wohlbefinden anderer beizutragen.
  • Denn Bedürfnisse helfen uns, besser zu verstehen, warum wir und andere bestimmte Dinge tun: Alles, was wir jemals tun, ist der Versuch, uns ein Bedürfnis zu erfüllen. (eine weitere Grundannahme der GFK)
  • Bedürfnisse sagen uns, was wir wirklich brauchen.
  • Wir können mithilfe von Bedürfnissen besser Lösungen finden, die uns wirklich weiterhelfen.
  • Wir kommen heraus aus der „emotionalen Sklaverei“ (Rosenberg). Statt andere für unser Wohlbefinden verantwortlich zu machen und uns damit in eine emotionale Abhängigkeit zu begeben, kommen wir (zurück) zu Selbstwirksamkeit: wir sind / werden wieder handlungsfähig.

„Wenn wir unsere Bedürfnisse aussprechen, dann steigt unsere Chance, dass sie erfüllt werden.“

Marshall Rosenberg

Zusammenfassung

Gefühle entstehen durch die Bewertung eines Auslösers.
Bewertungen erfolgen meist blitzschnell und oft unbewusst.

Wir bewerten Situationen…
…auf Basis unserer Bedürfnisse
…in Hinblick auf unsere Erwartungen und Erfahrungen
…vor dem Hintergrund von Ethik und Moral.

Sämtlichen Bewertungen (auch moralischen Urteilen) liegen letztlich Werte und Bedürfnisse zugrunde, nach deren Erfüllung wir uns im Leben sehnen.

Die Ursache für unsere Gefühle sind demnach immer unsere Bedürfnisse.

Wir können sprachlich die Verantwortung für unsere Gefühle übernehmen, indem wir die Formulierung nutzen: „ich fühle…, weil ich/mir…“

„Je besser es uns gelingt, unsere Gefühle direkt mit unseren eigenen Bedürfnissen zu verknüpfen, desto einfacher ist es für andere, einfühlsam auf unsere Bedürfnisse zu reagieren.“

Marshall Rosenberg

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